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6. Das Wirtschaftsimperium 301
rung dieser Frage mit jener Plenarversammlung des ZK der KPdSU zusam-
men, auf welcher Georgij Malenkov nicht nur harsch kritisiert, sondern auch
seines Postens als Regierungschef enthoben wurde. Dieses neuerliche Auf-
flammen der Machtkämpfe innerhalb der poststalinistischen Führungselite
hatte indirekt auch auf Österreich Auswirkungen. Einerseits wurde Nikita S.
Chruščevs Position maßgeblich gestärkt, der bei der Lösung des österreichi-
schen Problems durchaus zu Kompromissen bereit war. Andererseits löste
der „Befreier Berlins“ Georgij Žukov nun Nikolaj Bulganin als Verteidigungs-
minister ab, der seinerseits neuer Vorsitzender des Ministerrates wurde. Die-
se Rochade war für Chruščev insofern nicht unwesentlich, als nicht abzuse-
hen war, wie die Armeekreise auf einen möglichen Abzug der Truppen aus
Österreich reagieren würden.593
Nur drei Monate später fiel die endgültige Entscheidung über den Verkauf
nicht nur der USIA, sondern auch der SMV und der DDSG, was noch ein Jahr
zuvor nicht zur Debatte gestanden war. Mit dem Moskauer Memorandum
vom 15. April 1955 wurde nach den Verhandlungen der österreichischen Re-
gierungsdelegation unter Bundeskanzler Julius Raab schließlich der Weg zur
Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages und somit zur Lösung
des wirtschaftlichen Fragenkomplexes geebnet. Im Einzelnen wurde verein-
bart:
- Warenlieferungen im Wert von 150 Millionen Dollar, verteilt auf sechs
Jahre, als Ablöse für die USIA-Betriebe;
- Barablöse der DDSG durch eine Einmalzahlung von zwei Millionen Dol-
lar;
- Lieferung von zehn Millionen Tonnen Erdöl, verteilt auf zehn Jahre,
als Ablöse für die Erdölwirtschaft (später auf sechs Millionen Tonnen
reduziert).594
Hinsichtlich der österreichischen Schulden aus den oben erwähnten sowje-
tischen Lebensmittellieferungen 1945/1946 (die sogenannten „Erbsenschul-
den“) einigte man sich auf einen gegenseitigen Forderungsverzicht: Öster-
reich verzichtete seinerseits auf die Begleichung noch ausständiger ziviler
Besatzungskosten.595
593 Prozumenščikov, Nach Stalins Tod, S. 745.
594 Stourzh, Um Einheit und Freiheit, S. 439f.; Seidel, Österreichs Wirtschaft, S. 463; Peter Fritz, „Was
lange währt, wird endlich gut!“ Der Abschluss des Österreichischen Staatsvertrags 1955, in: Stefan
Karner – Gottfried Stangler (Hg.), „Österreich ist frei!“ Der Österreichische Staatsvertrag 1955. Bei-
tragsband zur Ausstellung auf Schloss Schallaburg 2005. Unter Mitarbeit von Peter Fritz und Walter
M. Iber. Horn – Wien 2005, S. 303–309, hier: S. 305.
595 Seidel, Österreichs Wirtschaft, S. 464.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918