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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle Im Jänner 1946 klagte der in Österreich stationierte Michail M. Žiľcov, ein Leutnant des NKVD, in einem Offizierskasino, die Sowjetunion würde Eu- ropa niemals „ein- und überholen“. In Österreich gebe es in jedem Haus Strom, während die sowjetischen Dörfer vermutlich nie elektrifiziert werden würden. Desillusioniert konstatierte der aus bäuerlichem Milieu stammende 27-Jährige: „Hier [in Österreich] gibt es Lüster, luxuriöse Häuser, Kleidung, während meine Familie Hunger leidet und nichts anzuziehen hat.“ Auch mit seiner Verpflegung zeigte er sich unzufrieden: „Sieger, und in der Kantine essen wir Zwieback. Aber Rumänien und Österreich füttern wir mit Brot.“3 Žil’covs „Lobpreisungen der kapitalistischen Ordnung“4 blieben nicht un- gestraft. Die Politabteilung der NKVD-Truppen der Zentralen Gruppe der Streitkräfte wertete seinen Zweifel an der „Überlegenheit des sowjetischen Systems“ als Folge „seines mangelhaften politischen Wissens und seiner ideologischen Zurückgebliebenheit“.5 Sie veranlasste umgehend eine „par- teiliche Untersuchung“ durch die Abteilung für Gegenspionage „Smerš“ und ließ ihn seiner militärischen Funktion entheben. Die Parteikommission bei der Politabteilung des Regiments schloss den Besatzungssoldaten aus der VKP(b) aus. Zugleich wurden die Offiziere in seinem Bataillon über die „Gefährlichkeit der Aussagen Žiľcovs“ und die Gründe, die ihn „vom Weg abkommen hatten lassen“, aufgeklärt.6 Der geschilderte Vorfall verdeutlicht drei Charakteristika der sowjetischen Lebenswelt in Österreich, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll: Erstens stellte die unmittelbare Konfrontation mit dem Kapitalismus zumindest für einen Teil der sowjetischen Besatzungsangehörigen einen tief gehenden „Kulturschock“ dar. Schmerzlich mussten sie erfahren, dass der 3 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 63f., Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Sladkevič, über antisowjetische Aussagen eines NKVD-Leutnants, 30.1.1946. Auszüge des folgenden Kapitels fanden Eingang in: Barbara Stelzl-Marx, Ideologie, Kontrolle, Repression. Als sowjetischer Besat- zungssoldat im Westen, in: Ulrich Mählert et al. (Hg.), Jahrbuch für Historische Kommunismusfor- schung 2010. Berlin 2010, S. 179–192. 4 Ebd. 5 Ebd. 6 Ebd.; RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 113f., Bericht des Leiters der NKVD-Trup- pen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabtei- lung der Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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