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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin, Strafverfolgung310 Lebensstandard im Land des ehemaligen „Feindes“ weit über jenem in der sowjetischen Heimat lag. Das wesentlich wohlhabendere und geordnetere Leben in Österreich unterschied sich drastisch von der den Soldaten bekann- ten sowjetischen Realität, aber auch von dem Bild, das ihnen Stalins Propa- gandamaschinerie eingehämmert hatte. Diese Diskrepanz zwischen dem Le- bensniveau in Europa und in der Heimat empfanden die „Sieger“ vielfach als persönliche Niederlage, die zugleich Zweifel am kommunistischen System per se weckte. Zu diesem „moralisch-psychologischen Trauma“7 gesellte sich im Falle von Žiľcov noch Unzufriedenheit darüber hinzu, dass sich das Leben in der sowjetischen Besatzungsarmee im Vergleich zur Umgebung eher karg gestaltete. Zweitens wertete die sowjetische Führung jegliche Zweifel, Regelverstöße und selbst eigentlich „nur“ strafrechtlich relevante Vergehen als politisch mo- tiviert. Dabei machte man nicht die tatsächlichen wirtschaftlichen Pro bleme der sowjetischen Nachkriegswirtschaft für etwaige Zweifel am System ver- antwortlich, sondern die angebliche ideologische und politische Wankelmü- tigkeit des Betroffenen. Die Überlegenheit des Kommunismus durfte – ge- rade vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges – nicht infrage gestellt werden. Drittens versuchte die sowjetische Führung alles in ihrer Macht Stehende, um derartige Überlegungen zu unterbinden. Erlag jemand den Versuchun- gen des Westens, führte dies – wie bei Žiľcov – zu Repressalien; die unter Stalin systemimmanente Praxis gegenseitiger Bespitzelung und Denunziati- on kam auch in Österreich zur Anwendung. Žiľcov – selbst seit 1939 Mitglied der NKVD-Truppen – wurde offensichtlich von mindestens einem seiner Ge- heimdienstkollegen bei seinen Vorgesetzten angezeigt. Er hatte nämlich seine „negativen Äußerungen“ keineswegs öffentlich, sondern im Rahmen eines informellen Mittagessens im Offizierskasino getätigt. Dort hatte er sich mit einem Komsomolorganisator namens Smirnov „unter Anwesenheit anderer Offiziere“ unterhalten. Mit dem Vorfall befasste sich daraufhin die Spitze der NKVD-Truppen in Österreich, die nicht nur Moskau darüber informierte, sondern weitere Überprüfungen durch die „Smerš“ in die Wege leitete.8 Der Fall demonstriert auch die zunehmend starke Rolle der Kommunisti- schen Partei unter den Truppen. Man leitete umgehend eine Untersuchung seitens der Partei ein und beschloss Žiľcovs Ausschluss aus der VKP(b). Die 7 Konstantin Simonow, Aus der Sicht meiner Generation. Berlin 1990, S. 104. 8 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 63f., Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Sladkevič, über antisowjetische Aussagen eines NKVD-Leutnants, 30.1.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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