Seite - 318 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung318
Mitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag jedoch vor allem noch mit verschiedenen
organisatorischen und praktischen Schwierigkeiten konfrontiert. Aleksandr
M. Pigin, Leiter der Abteilung für Arbeitskräfte, brachte die Problematik zu
Beginn seiner Tätigkeit im Herbst 1945 auf den Punkt: „Als wir aus Moskau
wegfuhren, wussten wir, die wir zur Arbeit im Sowjetischen Teil der Alliier-
ten Kommission für Österreich entsandt wurden, nur sehr wenig darüber,
was wir in unserer praktischen Arbeit machen würden. Es war lediglich be-
kannt, dass wir unsere Arbeit den Interessen unserer Heimat unterzuordnen
und den Willen unserer Sowjetischen Regierung und unseres Volkes aus-
zuführen hätten. Auf diese Art hatten wir vieles nicht vorhersehen können.
Nachdem wir nun 1,5 Monate gearbeitet haben, wurde uns unsere praktische
Arbeit bis zu einem gewissen Grad klar, aber wir sind auch mit gewissen
Schwierigkeiten konfrontiert.“33
Die „Interessen der Heimat“ standen auch im Vordergrund der Moskauer
Führung, für die der Einsatz der sowjetischen Repräsentanten in Österreich
zugleich ein prinzipielles, ideologisches Problem darstellte: Die Tätigkeit in
der Alliierten Kommission brachte einen permanenten, intensiven Kontakt
mit Österreichern, aber vor allem auch mit den Westalliierten mit sich. Dabei
barg das direkte Aufeinanderprallen zweier Welten in den Augen Moskaus
besondere Gefahren in sich – sowohl für die ideologische Überzeugung der
einzelnen Personen selbst als auch für die Wahrung sowjetischer Militär- und
Staatsgeheimnisse. Eigene Kurse wurden angeboten, um die Mitarbeiter der
SČSK „marxistisch-leninistisch“ vorzubereiten.34
Wie bereits erwähnt, wies die Leitung der SČSK schon im Jahr 1945 all
ihre Mitarbeiter an, „im Verhältnis zu den Alliierten äußerste Wachsamkeit
und Vorsicht walten zu lassen“. Politberater Evgenij D. Kiselev berichtete in
diesem Zusammenhang Ende Dezember 1945 dem Volkskommissar für aus-
wärtige Angelegenheiten, Vjačeslav M. Molotov: „Diese Weisungen wurden
nach Erhalt eines per Telegramm übermittelten Befehls des Chefs des Gene-
ralstabes der Roten Armee, Genossen Antonov, neuerlich bekräftigt, wobei
Antonov zu Wachsamkeit im Zusammenhang mit der verstärkten Aktivität
der ausländischen Aufklärung aufrief, die nach der Herstellung möglichst
enger Kontakte mit sich im Ausland befindlichen Sowjetbürgern strebe.“
Kiselev kündigte an, „zusätzliche Maßnahmen zur strengen Befolgung der
33 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 77f., Schreiben von Pigin an Malenkov über den Personal-
mangel in der SČSK, 2.10.1945. Vgl. Knoll – Stelzl-Marx, Der Sowjetische Teil der Alliierten Kom-
mission, S. 196.
34 RGASPI, F. 17, op. 127, d. 776, S. 129–134, hier: S. 132, Bericht des Leiters des Stabes der SČSK,
Garde-Generalleutnant Morozov, und des Leiters der Kaderabteilung, Major Golovač, über den
Zustand der Kader in der SČSK [nach dem 20.11.1945].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918