Seite - 327 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 327
Stabes der 31. Garde-Schützendivision im Oktober 1945 darauf hin, dass die
Abteilung aus den „besten Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren“ bestand,
die sich im „Großen Vaterländischen Krieg als tapfere, mannhafte und ent-
schlossene Kämpfer und Offiziere“ erwiesen hätten. „Allerdings“, so führte
er weiter aus, „sind bis zu 50 Prozent von ihnen ehemalige Kriegsgefangene
und Repatriierte.“61
Die Mitarbeiter der NKVD-Politabteilung überprüften zugleich, wie genau
wiederum die zuständigen Offiziere über ihre Untergebenen Bescheid wussten,
und holten über die Organe der Partei und des NKVD an den Wohnorten des
Personalstandes Informationen ein. Beispielsweise brachte die Politabteilung
des 128. NKVD-Grenzregiments über eines der Bezirkskomitees der VKP(b)
in Erfahrung, dass ein in Österreich stationierter Sergeant Choral’skij während
der deutschen Besatzung der Ukraine aus der Roten Armee desertiert, in sei-
nen Heimatort geflohen und später vom NKVD verhaftet worden war. Diese
Auskünfte leitete die Politabteilung an den Bevollmächtigten der „Smerš“ im
zuständigen Regiment weiter.62 Offiziere, die sich bei der Kontrolle ihrer Män-
ner nicht kooperativ zeigten, waren ihrerseits streng zur Verantwortung zu zie-
hen.63
Als Folge einer derartigen Überprüfung entließ das Kommando des 335.
NKVD-Grenzregiments bis April 1945 insgesamt 136 Angehörige: davon 40
wegen Krankheit, 48 aus „sozialen Erwägungen“ und die übrigen 48 wegen
der „Unmöglichkeit, sie in den Truppen einzusetzen“, da sie als undiszipli-
niert, moralisch labil und schwer erziehbar galten.64 Von 16 „fragwürdigen“
Personen, die wegen verschiedener Vergehen aus dem 24. Grenzregiment
entlassen wurden, hatten sich vier in deutscher Kriegsgefangenschaft befun-
den.65 Bei ihnen kam der aus sowjetischer Sicht schwerwiegende Makel des
61 CAMO, F. 894, op. 1, d. 88, S. 307–318, hier: S. 318, Bericht des Leiters der Spionageabteilung des
Stabes der 31. Garde-Schützendivision, Garde-Oberstleutnant Varlamov, über die militärische und
politische Vorbereitung im 3. Quartal 1945, 2.10.1945.
62 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 37f., Bericht des Leiters der Politabteilung des 128. NKVD-Grenzre-
giments, Generalmajor Kuznecov, an den Leiter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der 2. Ukrainischen Front, Oberst Šukin, über die Überprüfung des Personalstan-
des, 19.4.1945.
63 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 29f., Befehl des Leiters der Politabteilung der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der Roten Armee, Generalmajor Parev, über die Überprüfung des Perso-
nalstandes, 28.1.1945.
64 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 33–35, hier: S. 34, Bericht des Leiters des 335. NKVD-Grenzregi-
ments, Oberstleutnant Zacharčuk, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Vasil’ev, an
den Leiter der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 2. Ukrainischen Front, General-
major Kuznecov, über die Überprüfung des Personalstandes, 20.4.1945.
65 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 40, Bericht des Leiters der Politabteilung des 24. NKVD-Grenzregi-
ments, Dempelev, an den Leiter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlan-
des der 2. Ukrainischen Front, Oberst Šukin, über die Überprüfung des Personalstandes, 18.4.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918