Seite - 332 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung332
Feindbilder (etwa jene des „Faschismus“ und „Imperialismus“) als auch
idealisierte Selbst- bzw. Vorbilder.77 Denn die Gefahren, die sich durch den
Einsatz der Truppen außerhalb des sowjetischen Territoriums in einem feind-
lichen, „kapitalistischen“ Umfeld ergaben, erforderten besondere „Wachsam-
keit“. Über Vorträge und Versammlungen sollten die betroffenen Armeean-
gehörigen darauf hingewiesen werden.
1.3.1 Vorträge und Versammlungen
Eine der Hauptmethoden der sowjetischen Politoffiziere war der politische
Unterricht. Die Wahl der Themen, die „am besten ausgebildete Genossen“
dem Mannschaftsstamm über Vorträge und Gespräche näherbringen sollten,
verweist unter anderem auf zwei der größten Probleme, die der Kulturschock
in Österreich mit sich brachte: Zweifel am kommunistischen System und,
daraus resultierend, der Wunsch, im Westen zu bleiben. Die Titel der ent-
sprechenden Schulungen lauteten bezeichnenderweise: „Vorteile des sowje-
tischen Wirtschaftssystems gegenüber dem kapitalistischen“; „Quellen von
Kraft und Macht unserer Heimat“; „Vaterlandsverrat ist das schwerste Ver-
brechen“ oder „Wie das sowjetische Gesetz Vaterlandsverrat bestraft“.78 Ge-
nerell sollten die Kenntnis des Marxismus-Leninismus vertieft sowie Zweck
und Ziel der Besetzung Österreichs vermittelt werden. Dazu sollte insbeson-
dere auch das Studium von Stalins Schriften über den Zweiten Weltkrieg so-
wie den Sieg über Deutschland und Japan oder seines Befehls anlässlich des
1. Mai 1945 beitragen.79
Nach Kriegsende widmeten sich die Rotarmisten in eigenen Versammlun-
gen Themen wie „Der sowjetische Mensch im Ausland“. Für die NKVD-An-
gehörigen wurde dieses Thema noch konkretisiert: „Die Rolle des Soldaten
bei der Steigerung der bolschewistischen Wachsamkeit jenseits der Grenzen
unserer Heimat“,80 „Außerhalb der Heimat muss man besonders achtsam
77 Gosztony, Die Rote Armee, S. 409f.
78 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 11, S. 158f., Direktive Nr. 00811 des Leiters der Politischen Abteilung der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Nanejšvili, über eine Ver-
besserung der erzieherischen Arbeit innerhalb des Mannschaftsstammes, 4.7.1945. Abgedruckt in:
Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 64.
79 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 113, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützen-
regiments, Oberstleutnant Chorošev, und des stv. Leiters der Politabteilung, Hauptmann Čuchin,
an den Leiter der Politabteilung der 66. NKVD-Schützendivision, Oberst Tamrasov, über den po-
litisch-moralischen Zustand, die militärische Disziplin und parteipolitische Arbeit im 3. Quartal
1945, 23.9.1945.
80 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 156, S. 13–28, hier: S. 28, Bericht des Kommandeurs des 37. Grenzregi-
ments, Oberst Jaroslavskij, und des Leiters der Politabteilung, Major Sudakov, an den Leiter der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, über den poli-
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918