Seite - 336 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung336
Selbst Marschall Rodion Malinovskij, der ehemalige Oberbefehlshaber der 2.
Ukrainischen Front, forderte in einer Rede 1964 die „Eliminierung des Bü-
rokratismus und Dogmatismus sowie der Buchstabengelehrtheit aus der
Agitationsarbeit“.90
Der mangelnde Enthusiasmus der Teilnehmer kommt in den Politberichten
freilich kaum explizit zum Ausdruck. Doch allein der Appell, die Politoffiziere
möchten sich bemühen, „den Unterricht in allen Disziplinen für Soldaten und
Sergeanten interessant zu machen“, spricht für sich.91 Allerdings mussten –
trotz Langeweile oder Ärger darüber – die Unterweisungen der Politoffiziere
als wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zumindest erduldet werden. Die
Popularität der Politoffiziere wurde jedoch auch dadurch beeinträchtigt, dass
die politische Arbeit den Armeeangehörigen einen bedeutenden Teil ihrer
Freizeit wegnahm bzw. bewusst in deren Gestaltung eingriff.
1.3.2 Kultur- und Freizeitangebot
Ein Maßnahmenbündel zur Aufrechterhaltung von Moral und Disziplin stellte
eine sinnvolle Freizeitgestaltung dar. Sowjetische Filme wurden aus Moskau
geliefert und in eigenen Kinos gezeigt. Opernensembles, Balletttruppen und
Rotarmisten-Orchester aus der Sowjetunion besuchten die Besatzungszone
und gaben Vorstellungen für ein gemischtes österreichisch-sowjetisches Pu-
blikum. Zeitungen und Literatur wurden gleichfalls zur Bekämpfung der Lan-
geweile zur Verfügung gestellt.92 Freie Tage sollten möglichst ausgefüllt sein.
Geradezu stolz berichtete die Politabteilung eines der NKVD-Grenzregi-
menter, dass von April bis August 1945 insgesamt 36 Filme gezeigt und fünf
Konzerte organisiert worden seien. Die „besten Leute der Einheit“ hätten au-
ßerdem unter Anleitung Fotovitrinen gestaltet sowie Briefe und Fotos in die
Sowjetunion geschickt.93 Der Kommunist Sannikov, Initiator der „Anschau-
ungsagitation“ in einem der „Leninzimmer“, hatte selbst eine Fotomontage
zum Thema „Die starke Militärdisziplin – der Schlüssel zum Sieg“ gestaltet.94
90 Kalnins, Agitprop, S. 58, 70f.
91 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 101, S. 57f., hier: S. 58, Bericht des Bevollmächtigten des Leiters der NKVD-
Truppen zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Oberst Semenenko,
und des stv. Stabschefs, Oberstleutnant Počuev, an die NKVD-Einheiten über Desertion und uner-
laubtes Entfernen von der Truppe, 30.8.1945.
92 Zur vergleichbaren Situation in der SBZ vgl. Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 52–54.
93 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 329–339, hier: S. 335, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Major Čurkin, über
den militärischen Einsatz, den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin der
Truppen von November 1944 bis August 1945, 23.8.1945.
94 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 152, S. 75–87, hier: S. 84, Bericht des Leiters der Politabteilung des 37.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918