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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 347
bessern und ihre Vergehen nicht zu wiederholen.128 Als noch „parteiwidri-
ger“ galt offensichtlich das Auftreten einer Geschlechtskrankheit. Das Par-
teibüro des 40. NKVD-Schützenregiments schloss unter anderem einen
Offizier namens Cyganko im Sommer 1945 aus der VKP(b) aus, wobei die
Gründe lauteten: „mangelnder Arbeitseifer, systematische Trunksucht und
moralische, geschlechtliche Haltlosigkeit, die bei ihm zu einer Geschlechts-
krankheit geführt hatte“. Als problematisch galt das Verhalten Cygankos und
weiterer Kommunisten vor allem deswegen, weil es andere Männer zu Un-
diszipliniertheit und Verantwortungslosigkeit verführt habe. Cyganko etwa
habe „mehrfach die Kommunisten Kovtunov, Medvedev sowie seinen Prak-
tikanten Korobel’nikov zu Trinkgelagen hinzugezogen, wofür sie folglich alle
Strafen erhielten“. Kritik ernteten dafür auch die Parteiorganisationen und
das Parteiaktiv, die mit den Offizieren nur wenig individuelle Arbeit durch-
geführt und nicht rechtzeitig die „gefährliche, auf Trinkgelagen und anderen
Ausschweifungen begründete Verbrüderung unter einzelnen Offizieren“ zer-
schlagen hätten.129
Analog dazu gaben Vorfälle wie „systematische Trunksucht“, unerlaub-
tes Entfernen von der Truppe und allgemeine Undiszipliniertheit auch un-
ter Komsomolzen den Anlass für Zurechtweisungen. So wurde etwa dem
VLKSM-Mitglied Koržubaev ein „strenger Verweis“ erteilt, da er „Kontakt
zu einer unbekannten Frau unterhielt und in der Folge an einer Geschlechts-
krankheit erkrankte“.130 Zudem konnte etwa das Verlieren des Abzeichens
der VLKSM bzw. des Komsomoldokuments in Kombination mit mangeln-
dem Engagement in der Organisation oder Auseinandersetzungen zum Aus-
schluss führen.131 Als ein Komsomolze seinen Mitgliedsausweis „wegen per-
sönlicher Undiszipliniertheit und Verantwortungslosigkeit“ verloren hatte,
zog dies den Ausschluss aus dem Komsomol nach sich. Bereits einige Zeit zu-
vor hatte er eine strenge Zurechtweisung wegen der Plünderung kirchlichen
Eigentums erhalten. Über den jüngsten Vorfall wurden alle Komsomolzen
128 RGVA, F. 32907, op. 1, d. 351, S. 38–41, hier: S. 38, Protokoll der Parteiversammlung des 10. NKVD-
Grenzregiments über die Aufgaben der Kommunisten im Kampf gegen amoralische Erscheinun-
gen, 24.8.1945.
129 RGVA, F. 38756, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 123, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützenre-
giments, Oberstleutnant Chorošev, über den politisch-moralischen Zustand, die Disziplin und die
parteipolitische Arbeit im Regiment im 3. Quartal 1945, 23.9.1945.
130 Ebd., S. 126.
131 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 360–381, hier: S. 378f., Bericht des Leiters des 336. NKVD-Grenzre-
giments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Major Čurkin, an den Leiter
der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über
den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin des
Regiments im 3. Quartal 1945 [Oktober 1945].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918