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2. „Amoralische Erscheinungen“,
Straftaten und ihre Verfolgung
Der Kreml war sich bewusst, wie sehr „negative Aktionen (Raubzüge, Verge-
waltigungen von Frauen u. a.) seitens moralisch zersetzter Angehöriger der
Roten Armee“ den „Kampf um Einfluss auf die Masse der [österreichischen]
Bevölkerung“ erschwerten.148 Er sah Straftaten sowjetischer Armeeangehöri-
ger im Ausland zu Recht in einem politischen Kontext.149 Nicht nur das An-
sehen der Armee, sondern die Autorität der Sowjetunion standen auf dem
Spiel. Politische Schulung, interne Kontrolle und eine möglichst effektive Be-
strafung „moralisch zersetzter“ Militärangehöriger sollten die Disziplin stei-
gern und verhindern, dass noch größerer Schaden entstand. Nach den Erfah-
rungen des Krieges und dem relativen Freiraum, den die Besatzungssoldaten
in Österreich verspürten, war dies kein leichtes Unterfangen.
2.1. Militärische Spionageabwehr und Militärtribunal
des Truppenteils 28990
Die Kontrolle, Überwachung und Bestrafung von sowjetischen Besatzungs-
angehörigen, aber auch von österreichischen und ausländischen Personen la-
gen vorwiegend in der Zuständigkeit der „Schattenebene“.150 Die Organe der
militärischen Spionageabwehr – allen voran ihre Hauptverwaltung (GUKR)
„Smerš“ – bildeten das Hauptinstrument der sowjetischen Strafpolitik in der
Ostzone Österreichs. Die GUKR „Smerš“ verfügte in sämtlichen militärischen
Verbänden über Unterabteilungen: die Verwaltungen für Spionageabwehr
(UKR) „Smerš“ bei den Fronten und Heeresgruppen sowie die Abteilungen
für Spionageabwehr (OKR) bei Armeen, Korps und Divisionen. Nach der am
10. Juni 1945 erfolgten Formierung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte mit
Sitz in Baden wurde in ihrem Bestand eine Verwaltung für Spionageabwehr
„Smerš“ CGV eingerichtet. Ab Mai 1946, als die UKR „Smerš“ vom Volks-
kommissariat für Verteidigung (NKO) in die Zuständigkeit des Ministeriums
148 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 25–41, hier: S. 29, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung,
Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Inneren Truppen des NKVD, Generalleutnant Sladkevič, über
den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin in den NKVD-Truppen im 4.
Quartal 1945, 10.1.1946.
149 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.1.2.1 „Die politische Tragweite von Vergehen“ in diesem Band.
150 Siehe dazu auch das Kapitel A.III.4 „Die Schattenebene: Geheimdienst und NKVD-Truppen“ in
diesem Band.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918