Seite - 357 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 357 -
Text der Seite - 357 -
2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 357
Das Badener Militärtribunal verurteilte ab 1950 etwa zehnmal so viele Ös-
terreicher und Ausländer zum Tod durch Erschießen wie sowjetische Bürger.
Ihnen lastete man größtenteils „antisowjetische Spionage“ an, nur in einigen
Fällen kamen Kriegsverbrechen zum Tragen.157 Ihre Angehörigen sowohl in
Österreich als auch in Deutschland ließ man bewusst im Unklaren über das
weitere Schicksal nach der Verhaftung.158 Bei den Besatzungssoldaten hinge-
gen bildeten die diversen Auslegungen von „Vaterlandsverrat“ den entspre-
chenden Urteilsgrund. Wie im Folgenden gezeigt wird, zählte die Kriegsbe-
teiligung an der Seite der Wehrmacht ebenso dazu wie Mord und Desertion.
Einigen der Armeeangehörigen war es gelungen, mit einer falschen Identität
in die Besatzungstruppen der CGV zu gelangen und ihre aus sowjetischer
Sicht wenig ruhmreiche Biografie zu verschleiern. In diesen Fällen zeigten
sich die zuständigen Instanzen gnadenlos.
2.2 Verurteilt zum Tod durch Erschießen
„Ich bitte Sie, den Obersten Sowjet in Moskau, mich mein Verbrechen durch
welche Arbeit auch immer und in Besserungsarbeitslagern sühnen zu lassen.
Bedenken Sie meine Jugend und meinen ungebildeten Zustand, weil ich ja
nur fünf Klassen besucht habe.“159 Dieses verzweifelte Gnadengesuch richtete
der sowjetische Besatzungssoldat Ivan Egorovič Syčev am 9. Mai 1951 an das
Präsidium des Obersten Sowjets. Er war am selben Tag vom Militärtribunal
des Truppenteils 28990 nach den Artikeln 58-1 („Vaterlandsverrat“) und 58-10
(„Antisowjetische Propaganda“) zum Tod durch Erschießen mit Konfiszierung
der im Zuge der Verhaftung abgenommenen Wertgegenstände und Aberken-
nung der Medaille „30 Jahre Sowjetarmee und Flotte“ verurteilt worden.160
Sein Appell um Gnade verhallte ungehört. Der 26-Jährige wurde in einem
geheimen Transport nach Moskau gebracht und wenig später im dortigen
157 Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 34f.
158 Tessa Szyszkowitz, „Ihr Hunde, lassts den Vater da!“ Die Perspektive der Angehörigen, in: Stefan
Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher
in Moskau 1950–1953. Unter Mitarbeit von Daniela Almer, Dieter Bacher und Harald Knoll. Wien –
München 2009, S. 225–254; Frank Drauschke, „Diese Ungewissheit ist eine Qual“. Die lange Suche
der Angehörigen in Deutschland, in: Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Stalins letzte Opfer.
Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau 1950–1953. Unter Mitarbeit von Daniela Al-
mer, Dieter Bacher und Harald Knoll. Wien – München 2009, S. 283–300.
159 GARF, F. 7523, op. 76, d. 28, S. 79–83, hier: S. 83, Gnadengesuch von Ivan Syčev an das Präsidium
des Obersten Sowjets der UdSSR, 9.5.1951.
160 Edith Petschnigg, Stimmen aus der Todeszelle. Kurzbiografien der Opfer, in: Stefan Karner – Bar-
bara Stelzl-Marx (Hg.), Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau
1950–1953. Unter Mitarbeit von Daniela Almer, Dieter Bacher und Harald Knoll. Wien – München
2009, S. 301–588, hier: S. 545.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918