Seite - 371 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 371
kameraden her, über den er an Informationen zu den neuen Waffentypen der
Sowjetischen Armee – eine Gasmaske und ein Kompanie-MG – zu gelangen
versuchte. Doch noch vor Erfüllung dieses ersten CIC-Auftrages wurde der
27-Jährige am 30. Juli 1949 in der Wohnung seines ehemaligen Kameraden
verhaftet.217 Am 17. Februar 1950 verurteilte ihn das Militärtribunal der CGV
nach den Artikeln 58-1 („Vaterlandsverrat“) und 58-14 („Konterrevolutionäre
Sabotage“) zum Tod durch Erschießen. Durnov gehörte somit zu den Ersten,
auf die das Militärtribunal in Baden das Dekret vom 12. Jänner 1950 über die
Todesstrafe anwandte.218
In seinem am Tag nach der Verurteilung verfassten Gnadengesuch bat
Durnov unter anderem, seine soziale Herkunft zu berücksichtigen: Er stam-
me aus einer Arbeiterfamilie, der Vater habe sich an der Partisanenbewegung
beteiligt, niemand aus seiner Familie sei jemals Repressalien durch die sow-
jetische Macht ausgesetzt gewesen, er selbst habe – seit 1939 in der Roten Ar-
mee – keinerlei Strafen erhalten und sei während des Krieges schwer verletzt
worden. Man möge bedenken, so Durnov, „dass ich in meiner Unerfahren-
heit bis zu meiner Festnahme nicht einmal ahnte, dass ich 1947 (unter dem
Einfluss meiner Geschlechtskrankheit) ein Vaterlandsverräter geworden
war“.219 Unklar wird wohl bleiben, ob das Militärtribunal 1950 den ehemali-
gen Besatzungssoldaten wegen seiner Geschlechtskrankheit der „Sabotage“
beschuldigte. Ein ähnlicher Vorwurf führte im selben Jahr zur Verurteilung
einer Österreicherin, die sowjetische Besatzungssoldaten infiziert hatte.220
Durnovs Gnadengesuch lehnte das Oberste Gericht mit der Begründung
ab, dass seine „Schuld bezüglich des Vaterlandsverrats und der Spionagetä-
tigkeit für den amerikanischen Geheimdienst vollständig bewiesen ist und
dass Durnov bereits 1948 wegen Staatsverrats vom Militärtribunal zu 25 Jah-
ren Freiheitsentzug verurteilt wurde, jedoch aus dem Lager floh und erneut
schwere Verbrechen gegen die Heimat beging“.221 Auch in anderen Fällen
von Dmitrij Durnov, 19.4.1950. Zur Tätigkeit des CIC in Österreich siehe auch: Siegfried Beer, Mo-
nitoring Helmer. Zur Tätigkeit des amerikanischen Armeegeheimdienstes CIC in Österreich 1945–
1950. Eine exemplarische Dokumentation, in: Emil Brix – Thomas Fröschl – Josef Leidenfrost (Hg.),
Geschichte zwischen Freiheit und Ordnung. Gerald Stourzh zum 60. Geburtstag. Graz – Wien –
Köln 1992, S. 229–259; Siegfried Beer, Rund um den „Dritten Mann“: Amerikanische Geheimdienste
in Österreich 1945–1955, in: Erwin A. Schmidl (Hg.), Österreich im frühen Kalten Krieg 1945–1958.
Spione, Partisanen, Kriegspläne. Wien – Köln – Weimar 2000, S. 73–100.
217 GARF, F. 7523, op. 66, d. 102, S. 31–36, hier: S. 33f., Gnadengesuch von Dmitrij Durnov an das Präsi-
dium des Obersten Sowjets der UdSSR, 18.2.1950.
218 Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 34.
219 GARF, F. 7523, op. 66, d. 102, S. 31–36, hier: S. 35, Gnadengesuch von Dmitrij Durnov an das Präsi-
dium des Obersten Sowjets der UdSSR, 18.2.1950.
220 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 433.
221 GARF, F. 7523, op. 66, d. 102, S. 27–30, hier: S. 29f., Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gna-
dengesuch von Dmitrij Durnov, 19.4.1950.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918