Seite - 378 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung378
schluss Nr. 9036, dass Generäle ein Auto, ein Piano, ein Radio, ein Jagdge-
wehr und eine Uhr in die Heimat transportieren lassen konnten. Die PKWs
sollten ihnen aus dem Fundus der erbeuteten Wagen kostenlos überlassen
werden. Offizieren stand die Versendung eines Fahr- oder Motorrades zu.
Sie durften zudem Teppiche, Pelze, Geschirr und andere „exklusivere“ Ge-
brauchsartikel in den „notwendigen Mengen“ preiswert kaufen.245
Wenig später, am 14. Juni 1945, wurden für demobilisierte Armeeangehö-
rige die Zollkontrollen aufgehoben. Als Folge wurden Trophäen im großen
Maßstab in die Sowjetunion transportiert. Mit dem Demobilisierungszug
Nr. 45780 etwa, der am 16. September 1945 aus Wien in Usbekistan eintraf,
transportierte ein Armeeangehöriger sein Gepäck mit einem Gewicht von 983
kg.246
In den Reihen der Roten Armee und des Geheimdienstapparates grassierte
„im gesamten Jahr 1945 […] das Beutefieber. Sie alle konnten sich – meist
zum ersten Mal im Leben – Artikel und Güter besorgen, von denen sie zu-
vor nur geträumt hatten, die in Deutschland [und Österreich] aber alltäglich
waren.“247 Vor diesem Hintergrund waren auch einfache Dinge des Lebens
begehrt: Beispielsweise beging ein Armeeangehöriger im Mai 1945 in Graz
einen Raubmord, bei dem vier Einheimische ums Leben kamen. Aus der
Wohnung entwendete er keine klassischen Preziosen, sondern Gewand und
Gebrauchsgegenstände wie ein gelbes Kleid, einen grünen Wintermantel, ein
Paar neue rote Damenschuhe, ein grünes Damen-Necessaire, zwei Anzüge
sowie einen Koffer. Major Solovejčik, der Militärstaatsanwalt der Garnison
Graz, befahl daraufhin den zuständigen NKVD-Grenzregimentern, „im Fal-
le des Auftauchens eines der genannten Stücke den Besitzer festzunehmen“.
Außerdem ordnete der Militärstaatsanwalt an, die Liste mit den entwendeten
Gegenständen der Postannahmestelle zu übergeben. Falls jemand ein Päck-
chen mit dieser Kleidung in die Sowjetunion verschicken wollte, sei er umge-
hend zu „entlarven“.248
Im Juli 1945 hatten die Plünderungen bereits ein solches Ausmaß ange-
nommen, dass sich die Hauptverwaltung der NKVD-Truppen zu strikteren
Gegenmaßnahmen veranlasst sah. Insbesondere Haushaltsgeräte, Geschirr,
Möbel, Bilder, Fahrräder, Nähmaschinen, Kleidung, Lebensmittel und die
245 Edele, Soviet Veterans of the Second World War, S. 32; Musial, Stalins Beutezug, S. 327f.
246 Edele, Soviet Veterans of the Second World War, S. 30.
247 Musial, Stalins Beutezug, S. 330.
248 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 103, S. 390, Meldung des Militärstaatsanwalts der Garnison Graz, Major
Solovejčik, an den Kommandeur des 17. Grenzregiments, über einen Raubmord in Graz, 23.5.1945;
RGVA, F. 32910, op. 1, d. 37, S. 199, Meldung des Militärstaatsanwalts der Garnison Graz, Major
Solovejčik, an den Kommandeur des 25. Grenzregiments über einen Raubmord in Graz, 23.5.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918