Seite - 388 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung388
men und den Kommandeuren zu übergeben, damit diese „die Schuldigen
zur Verantwortung ziehen“ könnten. Den Truppen musste die „Unzulässig-
keit des Verkaufs des Eigentums“ ebenso klargemacht werden wie das Fak-
tum, dass dies andernfalls dem „großen Namen des sowjetischen Soldaten“
zur Schande gereichen würde.279
Der damalige Garde-Leutnant Anatolij Tokarev erfuhr eine derartige Fest-
nahme am eigenen Leib. Bald nach Kriegsende ging er auf den Schwarzmarkt
im Zentrum Wiens, um sich einen Straßenanzug zu besorgen. Als Tauschmit-
tel hatte er „Brot und anderes“ bei sich. Zunächst war alles ruhig, berichtet
der Veteran, doch plötzlich begann ein Tumult: „Von allen Seiten, aus allen
Gassen kamen sie mit diesen Maschinengewehren, fuhren heran, sperrten
den Markt ab und begannen zu überprüfen. Fragten, ob ich mit der örtlichen
Bevölkerung Kontakt gepflegt hätte.“280
Er betont, dass ihm Einheimische gesagt hätten, die Westalliierten würden
– im Gegensatz zur sowjetischen Besatzungsmacht – Militärangehörige un-
behelligt lassen. „Alle unsere Militärangehörigen, die am Markt waren, und
dort waren auch Majore, formierten sie in eine Kolonne! Stellten sie in eine
Kolonne! Ich ging, rechts von mir war ein Hauptmann, und links ein Oberst-
leutnant des medizinischen Dienstes, eine Frau! Und nicht mehr ganz jung!
Und uns führten sie in der Kolonne unter Bewachung mit erhobenen Maschi-
nenpistolen wie Faschisten ab! Wie die letzten Verbrecher! Durch die ganze
Stadt! Und die Wiener blieben stehen und schauten! So eine Schande! So et-
was erlebte ich mein ganzes Leben lang nie wieder! Das konnte sich nur die
Sowjetunion erlauben! Bis heute erinnere ich mich mit Empörung daran. Und
nie im Leben werde ich das verzeihen! Sie führten uns unter der Bewachung
von MP-Schützen auf die Kommandantur.“ Da Tokarev eine Kriegsverlet-
zung hatte, wurde er freigelassen. Allerdings wurde in sein Offiziersbuch
„Zehn Tage Hausarrest“ eingetragen, wodurch er während dieser Zeit kei-
nen Sold erhielt. „Was sich nicht unsere Todfeinde – England, Frankreich, die
USA – alles erlaubten. Das konnte sich nur diese sozialistische Sowjetunion
erlauben. Ich sage das sehr böse! Niemals werde ich das verzeihen!“, meint er
abschließend empört.281
279 RGVA, F. 32910, op. 1, d. 37, S. 320, Bericht des Leiters des Stabes der NKVD-Truppen, Oberst
Semenenko, und des Leiters der operativen Abteilung des Stabes, Oberstleutnant Počuev, an die
Kommandeure der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streit-
kräfte, über den Befehl vom 3.8.1945 „Über die Verschleuderung von militärischem Eigentum“,
19.8.1945.
280 OHI, Anatolij Tokarev. Durchgeführt von Dar’ja Gorčakova. Moskau 21.3.2003.
281 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918