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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 393
Die „Überprüfung der Fakten“, so der stellvertretende Stabschef der zum
Schutz der CGV abgestellten NKVD-Truppen, hätte ergeben, dass „entwe-
der uns gegenüber feindlich eingestellte Personen mit dem Ziel der Diskre-
ditierung der Roten Armee oder einzelne undisziplinierte Militärangehörige
der Roten Armee diese Verbrechen“ verüben würden. Letztere wären vor-
wiegend „kranke Soldaten, die unorganisiert in Spitäler geschickt oder von
dort zurückkommen“ würden. Als Gegenmaßnahme wurde angeordnet, die
Dokumente aller Militärangehörigen im Zug genau zu kontrollieren und ge-
gebenenfalls Verhaftungen vorzunehmen.296
Weniger als einen Monat später konnte das 37. Grenzregiment erste Re-
sultate der „Filtration“ jener Züge vorlegen, die in Wien ankamen oder von
dort wegfuhren. Insgesamt 58 Personen wären festgenommen worden, da-
von: zwei „Banditen“, acht Deserteure, zwei „Plünderer-Vergewaltiger“, 31
Militärangehörige ohne Dokumente, zwölf Zivilpersonen ohne Dokumente
und drei sowjetische DPs.297 Die „feindlichen Banditen“ waren, wie sich her-
ausstellen sollte, eindeutig in der Minderheit.
2.4 „Amoralische Erscheinung“ Trunksucht
„Trunksucht“ („p’janstvo“) galt als eine der häufigsten Formen „amoralischer
Erscheinungen“ in der Armee,298 zu denen man auch Diebstahl, Übergriffe
auf die Bevölkerung oder Suizid zählte. 84 Prozent aller registrierten „amora-
lischen Erscheinungen“ im ersten Quartal 1946 gingen auf dieses „Übel“ mit
langer Tradition zurück.299 Bei den Fronttruppen hatte der selbst gebrannte
Schnaps („samogon“) als wichtige Währung gegolten. Exzesse hatten bereits
296 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 28, S. 265f., Maßnahmenplan des stv. Leiters des Stabes der NKVD-Trup-
pen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberstleutnant Povarov, für die Herstellung der not-
wendigen Ordnung in den Zügen in Österreich und Ungarn, 5.11.1945.
297 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 28, S. 292f., Bericht des Kommandeurs des 37. Grenzregiments, Oberst
Jaroslavskij, und des Leiters des Stabes, Major Pavluškin, an den Leiter der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, über die Resultate der Überprüfung
von Zügen, 29.11.1945.
298 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 25–41, hier: S. 33, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung,
Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Inneren Truppen des NKVD, Generalleutnant Sladkevič, über
den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin in den NKVD-Truppen im 4.
Quartal 1945, 10.1.1946.
299 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 117, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918