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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung394
im Krieg zu Unfällen, Kämpfen und sogar Morden geführt.300 Nach Kriegs-
ende stellte Trunksucht in zweierlei Hinsicht ein zentrales Problem dar: Ei-
nerseits wurden unter Alkoholeinfluss zahlreiche Vergehen begangen und
Verkehrsunfälle verursacht, andererseits kam es gerade in der frühen Besat-
zungszeit zu Alkoholvergiftungen mit teils tödlichem Ausgang. Lapidar kon-
statierte ein interner MVD-Bericht vom April 1946: „Die Grundlage beinahe
sämtlicher Verbrechen bilden Saufereien und Verbindungen zu einheimi-
schen Frauen, mit allen damit einhergehenden Folgen.“301 Bereits ein halbes
Jahr zuvor hatte man festgehalten: „Unter den amoralischen Entgleisungen
stehen an erster Stelle Trunksucht (97 Fälle) und allzu lockerer Lebensstil,
häufig begleitet von Exzessen, Kontakten zu sozial fremden und zweifelhaf-
ten Elementen, Gewalttaten und ungesetzlichem Entwenden von Eigentum
der Bevölkerung; außerdem […] Geschlechtskrankheiten.“302 Das Volkskom-
missariat für Verteidigung erließ eigene Befehle, die der Trunksucht den
Kampf ansagten.303 Die erlassenen Verbote stellten jedoch – wie in anderen
Bereichen auch – kein wirkliches Hindernis dar.
2.4.1 Verbote und Strafen
Anlässlich der bevorstehenden Feiern zum 1. Mai 1945 sah sich die Armee-
führung genötigt, für Ordnung zu sorgen. Ausdrücklich wurde befohlen, Al-
koholexzesse unter dem Personalstand zu vermeiden, „insbesondere [Trink-
gelage] gemeinsam mit der örtlichen Bevölkerung“. Wie dies vor sich gehen
sollte, blieb allerdings bis auf den Hinweis offen, dass man unter den Trup-
pen die Fälle von Alkoholvergiftungen in Erinnerung rufen möge. Für die-
sen Tag wurde daher auch generell jeglicher Kontakt zwischen Rotarmisten
und Einheimischen untersagt. Offiziere und Unteroffiziere erhielten eigene
300 Merridale, Iwans Krieg, S. 264.
301 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 118, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
302 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 345, S. 144–148, hier: S. 144, Anordnung des Leiters der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Generalmajor Pavlov, und
des stv. Leiters der Politabteilung, Oberstleutnant Bondarenko, an die Einheitskommandanten und
die Leiter der Politabteilungen zur Disziplinierung der Angehörigen der NKVD-Grenzregimenter,
13.8.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 129.
303 Vgl. etwa die Befehle des NKO Nr. 0169 und 0373 „Über den Kampf gegen Trunksucht unter den
Armeeangehörigen“. Vgl. RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 119, Bericht des Leiters
der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Kuznecov, und des Leiters der Polit-
abteilung der Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen
des NKVD, Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin
in den MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918