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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 395
Schulungen, die sie zu gesteigerter Wachsamkeit animieren sollten.304 Erst im
August 1945 erging der Befehl, dass an Feiertagen an die Truppen nicht mehr
kostenlos Wodka auszugeben sei.305
Diese Verstöße gegen die militärische Disziplin führte der NKVD ebenfalls
auf ideologische Schwankungen zurück. Besonders harsche Kritik traf dabei
die Politoffiziere. Man warf ihnen regelmäßig vor, ihre Truppen nicht erzie-
hen oder wenigstens im Zaum halten zu können. Als Anfang 1946 die „Fälle
von Trunkenheit und anderen amoralischen Erscheinungen“ sogar noch zu-
genommen hatten, sah der Chef der NKVD-Truppen in Österreich die Ursa-
che dafür im „weiterhin niederen Niveau der erzieherischen Arbeit in einzel-
nen Abteilungen sowie in der fehlenden Organisiertheit und Kontrolle über
den Personalstand“.306 Ein Großteil dieser Vorfälle passierte nämlich, wenn
Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere sich allein überlassen waren und sie
die „notwendige politische und militärische Erziehung“ nicht erhielten. Auch
unter den Offizieren verübten demnach mehrheitlich jene „Amoralisches“,
die nicht politisch geschult waren.307 Somit gerieten weniger die Delinquen-
ten als vielmehr ihre Vorgesetzten ins Kreuzfeuer der Kritik.308
Ein weiteres Problem bestand darin, dass die Offiziere selbst auch in die-
sem Bereich nicht immer mit bestem Beispiel vorangingen: „Neben dem
Unterlassen des von den Kaderoffizieren in den Truppenteilen und Politof-
fizieren zu führenden Kampfes für eine gesunde moralische Einstellung des
Mannschaftsstandes kommt es mitunter auch vor, dass sich einzelne Offizie-
re gegenüber ihren Untergebenen persönlich nicht als gerade mustergültige
Vorbilder für ein anständiges Verhalten und ein hohes Maß an Moral präsen-
tieren“, lautete die interne Kritik.309
304 CAMO, F. 4. Garde-Armee, op. 4635, d. 16, S. 58, Befehl des Bevollmächtigten des Leiters des Stabes
der Panzer- und motorisierten Truppen der 4. Garde-Armee, Oberstleutnant Fajviliovič, bezüglich
der bevorstehenden Maifeiertage, 30.4.1945.
305 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 172, S. 36, Information des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Major Kruglin, über den Befehl, den Trup-
pen an Feiertagen keinen Wodka auszugeben [September 1945].
306 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 25–41, hier: S. 33f., Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung,
Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Inneren Truppen des NKVD, Generalleutnant Sladkevič, über
den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin in den NKVD-Truppen im 4.
Quartal 1945, 10.1.1946.
307 Ebd.
308 Satjukow, Besatzer, S. 150. Siehe dazu auch das Kapitel B.I.1.3.3 „Politoffiziere“ in diesem Band.
309 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 345, S. 144–148, hier: S. 144, Anordnung des Leiters der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der Südlichen Gruppe der Streitkräfte, Generalmajor Pavlov, und
des stv. Leiters der Politabteilung, Oberstleutnant Bondarenko, an die Einheitskommandanten und
die Leiter der Politabteilungen zur Disziplinierung der Angehörigen der NKVD-Grenzregimenter,
13.8.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 129.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918