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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 399 -
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 399 der Auswahl des Personals vorgegangen.316 Eines bringen die angeführten Bei- spiele besonders deutlich zum Vorschein: Alkohol wirkte als Hemmungslöser. Sowohl die erwähnten Übergriffe auf Frauen als auch die „Schießwut“ sind als typisch zu bezeichnen. Übergriffe sowie Unfälle, in die Besatzungsangehörige verwickelt waren, erfolgten besonders häufig unter Alkoholeinfluss. 2.4.2 Übergriffe und Unfälle „Alkoholvorräte [seien laut OKW-Befehl] niemals zu vernichten“, sinnier- te die Anonyma in ihrem Berliner Tagebuch, „sondern dem nachsetzenden Feinde zu überlassen, da erfahrungsgemäß dieser durch Alkohol aufgehalten und in seiner weiteren Kampfkraft beeinträchtigt werde. Das ist so ein Män- nerschnack, von Männern für Männer ausgeheckt. Die sollen sich bloß mal zwei Minuten überlegen, dass Schnaps geil macht und den Trieb gewaltig steigert. Ich bin überzeugt, dass ohne den vielen Alkohol, den die Burschen überall bei uns fanden, nur halb so viele Schändungen vorgekommen wären. Casanovas sind diese Männer nicht. Sie müssen sich erst selber zu frechen Taten anstacheln, haben Hemmungen wegzuschwemmen.“317 In Österreich kursierten Geschichten über „gutmütige Russen“, die, wenn betrunken, nicht wiederzuerkennen waren. Nächtliche Überfälle und vor allem die Suche nach Frauen traten infolge übermäßigen Alkoholkonsums vermehrt auf. Gerade Ostösterreich mit seinen großen Weinanbaugebieten und dem auch heimlich gebrannten Schnaps bot einen schier unerschöpfli- chen Alkoholvorrat. Ohne ihn hätte sicherlich ein Teil der Übergriffe nicht stattgefunden. Die NKVD-Offiziere füllten ihre Berichte mit Maßregelungen wegen Trun- kenheit oder unerlaubten Entfernens von der Truppe. Auch Hinweise darauf, dass Alkoholexzesse manchmal „kollektiven Charakter“ hatten und sich gan- ze Kompanien daran beteiligten, fehlen nicht.318 Doch obwohl man die Doku- 316 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 225, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD- Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei- ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945]. 317 Anonyma, Eine Frau in Berlin. Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945. Berlin 2005, S. 188; Merridale, Iwans Krieg, S. 343. 318 Vgl. etwa RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 188–190, Bericht des Leiters der MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Kovalev, und des stv. Leiters der Politabteilung, Oberst- leutnant Gončarev, an den Leiter der Politabteilung der Inneren Truppen des MVD, Generalmajor Skorodumov, über Trunkenheit, Plünderungen und Verstöße gegen die militärische Disziplin der 4. Kompanie des 383. Schützenregiments, 13.8.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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