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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 401
bekommende Problem Opfer unter den eigenen Militärangehörigen forderte.
Im ersten Quartal 1946 ging etwa die Hälfte der dokumentierten „außeror-
dentlichen Vorfälle und Mannschaftsverluste außerhalb des Gefechts“ im 24.
MVD-Grenzregiment auf Trunkenheit zurück. Der folgende Vorfall kann als
bezeichnend angesehen werden: Am Neujahrstag 1946 betranken sich drei
Sergeanten, die Ausgang hatten. Auf dem Rückweg in ihr Quartier fingen sie
mit Unbekannten zu raufen an. Einer der drei wurde dabei tödlich verletzt
und starb im Spital. „Der Tod [des Sergeanten]“, so der Regimentskomman-
deur, „passierte wegen der schwachen erzieherischen Arbeit“ und der Ver-
stöße gegen die Regeln für den Freigang.322
Immer wieder verloren auch Einheimische ihr Leben aufgrund des über-
mäßigen Alkoholkonsums sowjetischer Besatzungsangehöriger: „Es kommt
weiterhin zu Fällen von grundlosen Morden an Österreichern“, konstatierte
Oberst Pavlov Anfang Juni 1945 in einer operativen Tagesmeldung. Als Bei-
spiel diente Stallhofen, wo am 4. Juni 1945 Angehörige der 299. Schützendi-
vision vier Ortsbewohner getötet hatten. Die Ursache für dieses Verbrechen
lag laut Pavlov auf der Hand: „Der Mord geschah aus dem Grund, weil die
Teilnehmer an der Operation zur Durchkämmung des Waldstückes betrun-
ken waren.“323
Neben Raufhandel kam es auch häufig zu Autounfällen. Beispielsweise
stahl ein alkoholisierter sowjetischer Hauptfeldwebel das Lastauto eines Ös-
terreichers. Er war nicht in der Lage, den Wagen unter Kontrolle zu halten,
sodass dieser sich schließlich überschlug und gegen einen Baum prallte. Der
Hauptfeldwebel starb infolge des Unfalls.324
Die zahlreichen Unfälle – und „amoralischen Erscheinungen“ – einer mo-
torisierten Einheit führte man etwa darauf zurück, dass diese einen beson-
ders hohen Anteil an Neuzugängen aufwies: „Vor zwei Monaten waren sie
noch in der Ausbildung, während sie jetzt keinerlei Kurse mehr besuchen
und noch nicht richtig Auto fahren können.“325 In diesen Fällen war kein Al-
322 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 90f., hier: S. 90, Bericht des Kommandeurs des 24. MVD-Grenzregi-
ments, Oberst Kapustin, und des Leiters des Stabes, Major Galeev, an alle Bataillonskommandeure
über außergewöhnliche Vorfälle und Verluste außerhalb des Gefechts im 1. Quartal 1946, 18.4.1946.
323 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 104, S. 246, Operative Tagesmeldung Nr. 00153 des Kommandanten des
17. Grenzregiments, Oberst Pavlov, und des stv. Stabschefs, Hauptmann Alabušev, 6.6.1945. Abge-
druckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 93.
324 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 90f., Bericht des Kommandeurs des 24. MVD-Grenzregiments,
Oberst Kapustin, und des Leiters des Stabes, Major Galeev, an alle Bataillonskommandeure über
außergewöhnliche Vorfälle und Verluste außerhalb des Gefechts im 1. Quartal 1946, 18.4.1946.
325 RGVA, F. 32907, op. 1, d. 351, S. 38–41, hier: S. 40, Protokoll der Parteiversammlung des 10. NKVD-
Regiments über die Aufgaben der Kommunisten im Kampf gegen amoralische Erscheinungen,
24.8.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918