Seite - 402 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung402
kohol im Spiel. Doch kam es zu „Mannschaftsverlusten außerhalb des Ge-
fechts“ gerade auch wegen Alkoholvergiftungen.
2.4.3 Vergiftungen
Manchmal besiegte der Alkohol die Soldaten auch auf andere Art. So erlitten
am 11. Mai 1945 insgesamt 326 Offiziere und Mannschaftssoldaten der 26.
Armee eine schwere Alkoholvergiftung, 75 verstarben innerhalb eines Tages
am „Beuteschnaps“. Der Militärrat der 3. Ukrainischen Front bewertete den
Vorfall einmal mehr als „eine Folge fehlender Disziplin und Ordnung“. Zur
Abschreckung mussten die Soldaten über den Tod der Kameraden unter-
richtet werden, um sie vom Konsum dieser „flüssigen Trophäen“ abzuhal-
ten. Der Regimentskommandant forderte daraufhin von den Offizieren des
Sanitätsdienstes, sämtliche bereits erbeuteten Getränke und Nahrungsmittel
zu untersuchen, was anscheinend bis dahin nicht geschehen war. „Bei Auffin-
dung von Getränken und Nahrungsmitteln aus Beutebeständen“ waren die-
se unter der Aufsicht der Sanitätsoffiziere zu beschlagnahmen und „bis zum
Vorliegen einer endgültigen Analyse im Verpflegungslager des Bataillons zu
verwahren“, lautete der Befehl.326
Tatsächlich leiteten die Bataillonskommandeure die Weisung an die Offizie-
re weiter, bei Auffinden von Beutealkohol und -nahrungsmitteln den Batail-
lonsstab in Kenntnis zu setzen. Auch die Ärzte wussten Bescheid, dass sie den
Personalstand aufzuklären und die Verwendung der Nahrungsmittel zu kon-
trollieren hatten.327 Doch einmal mehr zeigte sich, dass Papier geduldig war.
Die Armeeführung vermutete hinter einem Teil der Vergiftungen auch
mutwillige Anschläge seitens „faschistischer Elemente“, die gezielt Methyl-
alkohol an sowjetische Militärangehörige verkaufen würden. Angesichts
der „massenweisen Vergiftungen“ zeige sich, wie manche vergessen hätten,
„dass wir uns auf dem Gebiet Österreichs befinden – einem früher vom fa-
schistischen Deutschland besetzten Land – und dass der Feind im Kampf mit
uns sämtliche heimtückischen Mittel einsetzt und einsetzen wird“, kritisierte
einer der Politoffiziere.328 Man verbot daher den Offizieren und Mannschafts-
326 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 9, S. 63, Befehl des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hin-
terlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, und des stv. Stabsleiters, Oberstleutnant
Počuev, an die Kommandeure der Grenzregimenter zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukraini-
schen Front, über Maßnahmen zur Verhinderung von Alkoholmissbrauch, 13.5.1945.
327 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 103, S. 344, Bericht des Kommandeurs des 1. Bataillons des 17. NKVD-
Grenzregiments, Major Borin, und des Leiters des Stabes, Hauptmann Gerasimov, an den Kom-
mandeur des 17. NKVD-Grenzregiments, Oberst Pavlov, über die Umsetzung der Weisung vom
21.5.1945 bezüglich Beutealkohol und -nahrung, 28.5.1945.
328 CAMO, F. 3415, op. 1, d. 102, S. 36, Bericht des Leiters der Politabteilung des 18. Panzerkorps, Gar-
de-Leutnant Šelet, über Vergiftungen unter den Armeeangehörigen, 29.4.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918