Seite - 403 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 403
soldaten, bei Privatpersonen Lebensmittel oder gar alkoholische Getränke
einzukaufen, und mahnte sie zur Vorsicht. Jene, die gegen den entsprechen-
den Befehl des Kommandos der CGV verstießen, waren hart zu bestrafen.329
Offensichtlich war das Verlangen nach Alkohol größer als der Gehorsam
vor diesen Befehlen oder die Angst vor möglichen gesundheitlichen Schäden.
Denn die Soldaten tranken alles, was nach Schnaps roch, sogar den hochpro-
zentigen Schnaps „Samogon“ oder Frostschutzmittel – selten um des Ge-
schmacks willen, sondern eher, um sich zu betäuben. „Wenn unsere Soldaten
Alkohol finden“, sagte ein Leutnant, „sind sie außer Sinnen und ruhen nicht
eher, als bis sie den letzten Tropfen geschluckt haben. […] Ohne die Trunk-
sucht“, so meinte er 1945, „hätten wir die Deutschen schon zwei Jahre früher
geschlagen.“330
Auch Georgi Leskis, der nach Kriegsende in Mödling stationiert war,
betont in diesem Zusammenhang den „russischen Charakterzug“, „alles“
zu trinken. Nur durch Zufall entging er selbst einer schweren Alkoholver-
giftung: „Irgendetwas war zu feiern, einer unserer Feiertage. Aus allen
Einheiten kamen die sogenannten Künstler zusammen. Es sollten Plaka-
te mit irgendwelchen Losungen gemacht werden. Sie haben einen Kleber
gesucht, fanden in einer Ecke einen Kanister mit einer Flüssigkeit, die an
Sprit, an Wodka erinnerte. Es war wirklich Sprit – Methylalkohol, eine
Massenvergiftung war die Folge. Gott hat mich damals gerettet, ich war
an diesem Tag nicht in Mödling, denn ich hätte da ebenso mittrinken kön-
nen. Einige Dutzend Leute hatten schwere Vergiftungen, sie starben oder
wurden blind. Man hat mit allen Mitteln versucht, sie zu retten – Blutinfu-
sionen, nichts hat geholfen. Aber das ist auch ein russischer Charakterzug
– Russen können alles Mögliche trinken, Sachen, die wahrscheinlich kein
Österreicher oder Italiener auch nur anschauen würde. Es wurde fürchter-
lich getrunken.“331
Wenn einer von den Soldaten doch einmal Angst vor Vergiftungen hatte,
versuchten die anderen, ihm diese auszureden, mitunter mit fatalen Konse-
quenzen: Bereits 1942 habe er einen solchen Holzgeist getrunken und nichts
sei mit ihm geschehen, erzählte ein bei einer sowjetischen Armeeautowerk-
statt in Wien arbeitender Koch namens Timošenko. Ein anderer Soldat na-
mens Mazur erklärte noch, man müsse den Holzgeist nur einmal aufkochen,
329 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 34, Befehl Nr. 0303 des Kommandanten der 4. Garde-
Armee, Garde-Generaloberst Gusev, des Mitglieds des Militärrates der 4. Garde-Armee, General-
major Seminov, und des Leiters des Stabes der 4. Garde-Armee, Garde-Generalmajor Fomin, über
mutwillige Vergiftungen von sowjetischen Armeeangehörigen durch Alkohol, 26.9.1945.
330 Zit. nach: Merridale, Iwans Krieg, S. 299.
331 Klein, Die Russen in Wien, S. 174.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918