Seite - 405 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 405 -
Text der Seite - 405 -
2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 405
Mitunter sahen es die Besatzungssoldaten gerne, wenn Einheimische mit
ihnen tranken. Sie wären „beleidigt“ gewesen, hätte man das Angebot abge-
lehnt, so die Erinnerung einer Österreicherin. Offen bleibt, ob dieses Verhal-
ten – ähnlich wie beim Essen – auf ein bewusst geschürtes Misstrauen zu-
rückzuführen ist und ob sie lediglich einen „Vorkoster“ suchten oder ob es
der Sehnsucht nach einem geselligen Miteinander entsprach.336
Fotos von Rotarmisten, die sich angeheitert um ein Weinfass scharen oder
miteinander anstoßen, machen außerdem Folgendes deutlich: Nach den
schrecklichen Jahren des Krieges wollten die Soldaten vor allem eines: Spaß
haben und vergessen. Die „Meere von Wein und Schnaps“337 sollten schmerz-
liche Erinnerungen ertränken. Die Folge waren Trinkgelage mit zahlreichen
Opfern. Dass insbesondere psychische Faktoren für das allgemein unter Sol-
daten weit verbreitete Alkoholproblem verantwortlich waren,338 kommt in
den sowjetischen Dokumenten nicht zur Sprache.
2.4.4 Verhaftungen von Österreichern
Alkohol forderte – abgesehen von den durch die herabgesetzte Hemm-
schwelle verübten Übergriffen – indirekt auch unter der Zivilbevölkerung
seinen Tribut. Mehr als zehn Österreicherinnen und Österreicher wurden
„wegen Verbrechen gegen die Sowjetische Armee“ verurteilt, nachdem der
bereitgestellte Alkohol zu Vergiftungen geführt hatte.339 Der Verkauf von
Spirituosen galt in den Augen des NKVD ebenso wie Mord aus dem Hin-
terhalt als Terrorakt.340 Ende Mai 1945 warnten die NKVD-Truppen, „dass
Bewohner Österreichs giftige Essenzen als Spirituosen ausweisen und diese
an Angehörige der Roten Armee verkaufen“ würden. Den Hinweis auf die-
sen Vorwurf hatte der Militärstaatsanwalt der 61. Schützendivision gegeben,
nachdem 18 Soldaten am Alkohol einer Grazerin verstorben waren. Doch
auch für die Verkäuferin sollte die Vergiftung schwerwiegende Folgen ha-
ben: „Die Verkäuferin des vergifteten Alkohols wurde festgenommen und
befindet sich bei der Abteilung für Gegenspionage der 61. Schützendivision“,
336 Margarethe Hannl, Mit den Russen leben. Ein Beitrag zur Besatzungszeit im Mühlviertel 1945–1955.
Phil. DA. Salzburg 1988; Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 424.
337 Merridale, Iwans Krieg, S. 338.
338 Hannl, Mit den Russen leben, S. 130.
339 Knoll – Stelzl-Marx, Sowjetische Strafjustiz in Österreich, S. 292.
340 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 211, S. 169–172, Arbeitsplan für die Verwaltung der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front für Juli 1945, bestätigt vom stv. Leiter
der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko,
3.7.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 103.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918