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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 411
großen Teil mehrere Frauen vergewaltigt haben. Doch sind auch die Zahlen
der vergewaltigten Frauen nicht ident mit der Zahl der Vergewaltigungen
selbst: Annähernd 40 Prozent der Opfer dürften mehrfach, die meisten zwei-
bis viermal, aber auch häufiger vergewaltigt worden sein. Für Berlin liegt die
Zahl der Übergriffe daher um ein Vielfaches über jener der Opfer.356
Für Österreich sind die Angaben ebenfalls mit besonderer Vorsicht zu
behandeln: Günter Bischof schätzt die Vergewaltigungen für Wien anhand
von zeitgenössischen Quellen auf 70.000 bis 100.000.357 Bezüglich Wiens und
Niederösterreichs geht Marianne Baumgartner von rund 240.000 Übergriffen
aus. Gewisse Rückschlüsse erlauben zudem venerische Krankheiten: Nieder-
österreich meldete für 1945 insgesamt 47.000 Neuzugänge an Gonorrhö (von
70.000 in ganz Österreich).358 In der Steiermark ereilte in der kurzen Phase der
sowjetischen Besatzung amtlichen Aufzeichnungen zufolge etwa 10.000 Frau-
en dieses Schicksal, davon rund vier Fünftel in der Ost- und Südsteiermark.359
Burgenländische Gesamtzahlen sind nicht überliefert.360 Allerdings ist da-
von auszugehen, dass in diesem ersten Einmarschgebiet der Roten Armee
die Übergriffe besonders häufig waren und es daher zu mindestens 20.000
Vergewaltigungen kam.361 Im Mühlviertel wurden gemäß den Angaben der
Bezirkshauptmannschaft für diese Region von Mai 1945 bis März 1946 etwa
900 Fälle registriert.362
Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Besatzungssoldaten und Vergewal-
tigungsopfern ist in Österreich ähnlich wie in Deutschland: Auch hier ist die
Relation – statistisch gesehen – etwa eins zu zwei: Rein am Papier verübte somit
bei etwa 270.000 Vergewaltigungen jeder zweite von den insgesamt 400.000363
zu Kriegsende in Ostösterreich stationierten Besatzungssoldaten eine Vergewal-
356 Johr, Die Ereignisse in Zahlen, S. 54–58.
357 Günter Bischof, Austria in the First Cold War, 1945–55: The Leverage of the Weak. Cold War Histo-
ry Series. London – New York 1999, S. 33.
358 Marianne Baumgartner, Vergewaltigungen zwischen Mythos und Realität. Wien und Niederös-
terreich im Jahr 1945, in: Frauenleben 1945. Kriegsende in Wien. Wien 1995, S. 59–73, hier: S. 64f.;
Dornik, Besatzungsalltag in Wien, S. 462.
359 Karner, Die Steiermark im 20. Jahrhundert, S. 318.
360 Pia Bayer, Die Rolle der Frau in der burgenländischen Besatzungszeit, in: Michael Hess (Hg.), be-
freien – besetzen – bestehen. Das Burgenland 1945–1955. Tagungsband des Symposions des Bur-
genländischen Landesarchivs vom 7./8. April 2005. Eisenstadt 2005, S. 139–160.
361 Das Burgenland hatte 1945 etwa 200.000 Einwohner. (Von der Gesamtzahl von 280.000 Einwoh-
nern sind einige 10.000 Richtung Westen Geflüchtete und etwa 38.000 Wehrmachtssoldaten und
Kriegsgefangene abzuziehen.) Geht man von der für Wien und Niederösterreich anzunehmenden
Vergewaltigungsquote von zehn Prozent aus, ergibt sich daher für das Burgenland eine Rate von
mindestens 20.000 Vergewaltigungen. Herrn Dr. Wolfram Dornik, Graz, danke ich herzlich für die-
sen Hinweis.
362 Hafner, Das Mühlviertel unter sowjetischer Besatzung, S. 511f.
363 Rauchensteiner, Nachkriegsösterreich 1945, S. 420.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918