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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 413
NS-Propaganda prägte das Bild des „fanatischen Flintenweibs“, das im Krieg
alle Regeln des männlichen Kampfes durchbrach und sich durch besondere
Grausamkeit auszeichnete: „Und mit dem Juden in vorderster Linie stand die
Jüdin als Flintenweib, als Partisane und als Dirne in einer Person. Sie ist es,
die gleichgesinnte weibliche Bestien ausbildet und anführt und die Frauen
ganz Europas zu ihresgleichen machen wollte“, warnte die vom Reichsfüh-
rer-SS herausgegebene Zeitschrift „Der Untermensch“.371 Trotz dieses gezielt
verbreiteten Feindbildes sind Hinweise auf Übergriffe seitens weiblicher
sow
jetischer Armeeangehöriger kein Teil des kollektiven Gedächtnisses. Ab-
gesehen von der sicherlich unvergleichbar geringeren Quantität handelt es
sich hierbei um ein noch stärkeres Tabu als die „klassische“ Form der von
Männern gegenüber Frauen geübten sexuellen Gewalt.
Die genannten Zahlen vermögen die Dimensionen dieser Übergriffe nur
begrenzt wiederzugeben, lassen aber ansatzweise ihr Ausmaß erkennen.
Doch sind Zahlen auch „gefährlich, da sie auf dem Papier eine Gewissheit
erzeugen, die nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Die Zahlen konn-
ten die Russen schrecklicher erscheinen lassen, die Deutschen als bloße Opfer
hinstellen und vielleicht sogar ein paar dunkle Punkte aus der Nazivergan-
genheit löschen“, betont die britische Historikerin Catherine Merridale.372
Eine Instrumentalisierung der „Dimension des Schreckens“ lag auf der Hand.
2.5.2 Sowjetische Angaben
Während österreichische Gendarmerieberichte und andere Dokumente voll
von derartigen „Vorfällen“ sind, liegen von sowjetischer Seite keine Ge-
samtangaben zu den Vergewaltigungen vor. Zu sehr wurde – und wird – das
Thema tabuisiert. Ein Teil der Moskauer Archive hält Dokumente, die dem
„Ansehen der Roten Armee“ und somit der Sowjetunion bzw. des heutigen
Russlands schaden könnten, nach wie vor unter Verschluss. In anderen Ar-
chiven finden sich zwar verstreute, aber aussagekräftige Hinweise. Besonders
aufschlussreich sind die freigegebenen Akten des NKVD-Bestandes. Gerade
sie liefern auch aus sowjetischer Perspektive den erdrückenden Beweis, dass
das Problem der Vergewaltigungen über die Zeit des unmittelbaren Kriegs-
endes hinaus weiter bestand. Allein im Bereich der in Niederösterreich und –
bis 23. Juli – zudem in der Obersteiermark stationierten 4. Garde-Armee sind
für Juli 1945 beinahe täglich Übergriffe dokumentiert:
371 Reichsführer-SS (Hg.), Der Untermensch. Berlin 1942, o. S.
372 Merridale, Iwans Krieg, S. 348.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918