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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 415 -
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 415 Häusern stahlen und betrunken waren. Auch die andere Seite kommt zum Vorschein, nämlich der Versuch des sowjetischen Militär-, Geheimdienst- und Politapparates, die Übergriffe zu verhindern, die Täter zu fassen und zu bestrafen. Vielfach blieben die „Unbekannten in sowjetischer Uniform“ jedoch unerkannt, wodurch sie ohne weitere Strafverfolgung davonkamen. Man wird wohl nie klären können, wie hoch der Anteil an „echten“ Rotarmis- ten, Deserteuren, ehemaligen Zwangsarbeitern oder auch „österreichischen Russen“ war, die die Straftaten begingen. 2.5.3 Deutungs- und Erklärungsmuster Wenngleich Vergewaltigungen kein „Privileg“ der Roten Armee waren, stellt sich die Frage nach den Gründen für den Massencharakter dieses Phäno- mens. Dabei kristallisieren sich zumindest drei historische Deutungsmuster heraus, drei ineinandergreifende ideologische Erscheinungsformen. Diese werden zu dem, was die deutsche Politologin Ingrid Schmidt-Harzbach als „Vergewaltigungssyndrom“ bezeichnet – ein gesellschaftliches Krankheits- bild. Zu diesem kam es einerseits durch die antikommunistische Tradition, die eine „rote, bolschewistische Flut aus dem Osten“ und mit ihr den Unter- gang des Abendlandes propagierte, und andererseits durch die rassistische Tradition, die die Vorstellung eines „tierischen, geilen Untermenschen mit Mongolenfratze“ heraufbeschwor, der „barbarisch“ über die deutsche Frau herfalle und die „Reinheit des arischen Blutes“ vergifte. Die vorwiegend aus Russen und Ukrainern bestehende Armee griff sogar selbst auf diese Feind- bilder zurück. Das in Österreich verbreitete Gerücht, eine „Kolonne aus 6000 Mongolen“ würde als Teil der Roten Armee zum Einsatz kommen, werte- te der NKVD als „provokativ“.374 Schließlich existierte noch die sexistische Tradition, die Frauen als Kriegsbeute und als Trophäe des Siegers definierte. Vergewaltigung galt demnach als Vergeltungsakt in der Kriegsführung.375 Tatsächlich dürfte ein Teil der Soldaten Rache für erlittenes Unrecht und Leid geübt haben. Die Frauen des deutschen „Feindes“ dienten dabei als Pro- jektionsfläche für aufgestauten Hass. Bemerkenswert ist jedoch, dass weder 374 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 329–339, hier: S. 332, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD- Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Major Čurkin, über den militärischen Einsatz, den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin der Truppen von November 1944 bis August 1945, 23.8.1945. 375 Ingrid Schmidt-Harzbach, Das Vergewaltigungssyndrom. Massenvergewaltigungen im April und Mai 1945 in Berlin, in: Irene Bandhauer-Schöffmann – Ela Hornung (Hg.), Wiederaufbau Weiblich. Dokumentation der Tagung „Frauen in der österreichischen und deutschen Nachkriegszeit“. Veröf- fentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Bd. 23. Wien – Salzburg 1992, S. 181–198, hier: S. 198.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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