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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 415
Häusern stahlen und betrunken waren. Auch die andere Seite kommt zum
Vorschein, nämlich der Versuch des sowjetischen Militär-, Geheimdienst-
und Politapparates, die Übergriffe zu verhindern, die Täter zu fassen und
zu bestrafen. Vielfach blieben die „Unbekannten in sowjetischer Uniform“
jedoch unerkannt, wodurch sie ohne weitere Strafverfolgung davonkamen.
Man wird wohl nie klären können, wie hoch der Anteil an „echten“ Rotarmis-
ten, Deserteuren, ehemaligen Zwangsarbeitern oder auch „österreichischen
Russen“ war, die die Straftaten begingen.
2.5.3 Deutungs- und Erklärungsmuster
Wenngleich Vergewaltigungen kein „Privileg“ der Roten Armee waren, stellt
sich die Frage nach den Gründen für den Massencharakter dieses Phäno-
mens. Dabei kristallisieren sich zumindest drei historische Deutungsmuster
heraus, drei ineinandergreifende ideologische Erscheinungsformen. Diese
werden zu dem, was die deutsche Politologin Ingrid Schmidt-Harzbach als
„Vergewaltigungssyndrom“ bezeichnet – ein gesellschaftliches Krankheits-
bild. Zu diesem kam es einerseits durch die antikommunistische Tradition,
die eine „rote, bolschewistische Flut aus dem Osten“ und mit ihr den Unter-
gang des Abendlandes propagierte, und andererseits durch die rassistische
Tradition, die die Vorstellung eines „tierischen, geilen Untermenschen mit
Mongolenfratze“ heraufbeschwor, der „barbarisch“ über die deutsche Frau
herfalle und die „Reinheit des arischen Blutes“ vergifte. Die vorwiegend aus
Russen und Ukrainern bestehende Armee griff sogar selbst auf diese Feind-
bilder zurück. Das in Österreich verbreitete Gerücht, eine „Kolonne aus 6000
Mongolen“ würde als Teil der Roten Armee zum Einsatz kommen, werte-
te der NKVD als „provokativ“.374 Schließlich existierte noch die sexistische
Tradition, die Frauen als Kriegsbeute und als Trophäe des Siegers definierte.
Vergewaltigung galt demnach als Vergeltungsakt in der Kriegsführung.375
Tatsächlich dürfte ein Teil der Soldaten Rache für erlittenes Unrecht und
Leid geübt haben. Die Frauen des deutschen „Feindes“ dienten dabei als Pro-
jektionsfläche für aufgestauten Hass. Bemerkenswert ist jedoch, dass weder
374 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 329–339, hier: S. 332, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Major Čurkin, über
den militärischen Einsatz, den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin der
Truppen von November 1944 bis August 1945, 23.8.1945.
375 Ingrid Schmidt-Harzbach, Das Vergewaltigungssyndrom. Massenvergewaltigungen im April und
Mai 1945 in Berlin, in: Irene Bandhauer-Schöffmann – Ela Hornung (Hg.), Wiederaufbau Weiblich.
Dokumentation der Tagung „Frauen in der österreichischen und deutschen Nachkriegszeit“. Veröf-
fentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Bd.
23. Wien – Salzburg 1992, S. 181–198, hier: S. 198.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918