Seite - 417 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 417
Es zeigt eine geifernde Bestie mit na-
tionalsozialistischer Kappe, die über
eine wehrlose Frau herfällt.380 Eine
ähnliche sexuelle Konnotation riefen
auch die gleichfalls 1942 entstandenen
Plakate „Für die Ehre der Frau, für
das Leben der Kinder“381 von Leonid
Fedorovič Golovanov und „Soldat der
Roten Armee! Du lieferst deine Liebste
nicht an die Hitlersoldaten für Schan-
de und Unehre aus“.382 von Fedor
Vasiľevič Antonov hervor. Ersteres
porträtiert einen lüstern blickenden
Wehrmachtssoldaten hinter der halb
entblößten Leiche einer Frau mit lan-
gem Haar, an die sich ein kleines Kind
klammert. Das rauchende, hüfthoch
gehaltene Gewehr in seiner haarigen
Wolfshand weckt Assoziationen an
einen Phallus. Das andere Plakat zeigt
eine junge, gefesselte Frau, deren zer-
rissenes Kleid über der rechten Schul-
ter heruntergezogen ist. Der Text wendet sich direkt an die Rotarmisten, die
die „Schande“ und „Unehre“ abzuwenden hatten.
Das Erklärungsmuster – Vergewaltigung als Vergeltungsakt – greift je-
doch zu kurz. Schließlich kam es auch in mit der Sowjetunion verbündeten
Ländern wie Jugoslawien, Polen und der Tschechoslowakei zu Übergriffen.383
Befreite „Ostarbeiterinnen“ wurden ebenfalls vergewaltigt oder sexuell be-
lästigt.384 Man informierte beispielsweise sämtliche Politabteilungsleiter der
380 Ein ähnliches Sujet verwendete die antijapanische Propaganda der USA im Zweiten Weltkrieg.
Das Plakat „This is the enemy“ zeigt einen japanischen Soldaten, der eine nackte weiße Frau fort-
schleppt. Ein Faksimile findet sich etwa im World War II Museum in New Orleans.
381 „Za čest’ ženy, za žizn’ detej, za naši nivy i luga – za sčast’e rodnye svoe, ubej zachvatčika-vraga!“
Vgl. dazu das Faksimile in: A. E. Snopkov – P. A. Snopkov – A. F. Škljaruk, 600 plakatov. Moskau
2004, S. 94.
382 „Boec Krasnoj Armii! Ty ne daš’ ljubimuju na pozor i besčest’e gitlerovskim soldatam.“ Vgl. dazu
das Faksimile in: ebd.
383 Wilfried Loth, Die Teilung der Welt 1941–1955. München 1980, S. 97.
384 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 12, S. 23, Vorfallsbericht des Kommandeurs des 336. Grenzregiments,
Oberstleutnant Martynov, und des Leiters des Stabes, Major Buškov, 27.5.1945. OHI, Aleksandra
Vajnrib. Durchgeführt von Ol’ga Pavlenko. Moskau 25.11.2002.
Abb. 55: Das 1942 von Pavel Sokolov-Skalja
gestaltete Plakat „Soldat, weiche nicht zu-
rück!“ appellierte an die Rotarmisten, durch
ihren Einsatz im Kampf die sowjetischen
Frauen vor der „faschistischen Bestie“ zu
bewahren. (Quelle: Rouquet et al., Amours,
guerres et sexualité, S. 99)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918