Seite - 418 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung418
einzelnen, bei den unterschiedlichen „Fronten“ eingesetzten NKVD-Truppen
über die „empörende Verhöhnung unserer sowjetischen Mädchen“, die die
Rote Armee „aus der faschistischen Sklaverei befreit hatte“. Diese bestand „in
der Bedrohung mit Waffen, Verprügelungen und ihrer Vergewaltigung in be-
trunkenem Zustand.“385 Oder rächte sich die Gruppe sowjetischer Offiziere,
die zum Teil Mitglieder der VKP(b) waren, an den jungen Frauen, weil sie für
den „faschistischen Feind“ gearbeitet und überlebt hatten?
Letzteres bringt zwei zusätzliche Aspekte zum Ausdruck: zum einen die
Kausalität von Trunkenheit und Gewalttat. Auch in Österreich war in länd-
lichen Gebieten unter anderem wegen der höheren Verfügbarkeit von Alko-
hol die Zahl der Vergewaltigungen besonders hoch. Alkohol enthemmte und
machte Mut, die nötige kriminelle Energie aufzubringen. Zum anderen spielt
der Aspekt der emotionalen Bindung innerhalb von Gruppen und Banden
eine Rolle. Denn häufig waren es mehrere Männer, die sich gemeinsam auf
die Suche nach ihren Opfern machten. Zum „kollektiven Triumph“ gesellte
sich wohl auch die Angst, vor den Kameraden andernfalls als impotent oder
als Feigling zu gelten.
Landläufig gilt, dass die kämpfende Truppe noch „anständig“ gewesen
wäre, während der nachkommende „Tross“ durch besondere Disziplinlosig-
keit aufgefallen sei. Auch hätten sich die „kultivierten Offiziere“ weit besser
benommen als die im Krieg völlig verrohte Soldateska. Allein die im Ver-
gleich zu den Westalliierten ungleich höhere Zahl an Rotarmisten in Öster-
reich und Deutschland, aber auch die Zusammensetzung der sowjetischen
Regimenter wirkten sich sicherlich negativ auf die Disziplin aus. Doch zeigen
die jahrzehntelang streng geheimen sowjetischen Akten auch eines: Weder
Offiziere noch Parteimitglieder bildeten hierbei eine Ausnahme.
2.5.4 Fünf Jahre ITL: ein exemplarischer Fall
Der im Folgenden ausführlicher geschilderte Fall aus Wien eignet sich inso-
fern für die Exemplifizierung sowjetischer Sexualstraftaten, als er nicht nur
für die Nachkriegszeit „typisch“ verlief, sondern auch weil er einen Einblick
in die Sicht- und Handlungsweisen der sowjetischen Instanzen erlaubt. Gleich
mehrere NKVD-Berichte widmeten sich dem Vorfall, mit teilweise identen
Formulierungen. Der Hergang der Tat lässt sich derart rekonstruieren:
385 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 118, Bericht des Leiters der Politabteilung der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der Roten Armee, Generalmajor Carev, an alle Leiter der Politabteilun-
gen der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der Fronten über die Vergewaltigung von
ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiterinnen, 18.4.1945. Vgl. dazu auch: Stelzl-Marx, Freier und
Befreier, S. 428.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918