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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 421
unser russisches Volk anhand der Rotarmisten und ihres Verhaltens beurteilt
werden“,391 betonte ein NKVD-Bericht. Gerade vor diesem Hintergrund ist
die immer wieder geäußerte These, Stalin hätte anlässlich der Mai-Feiertage
1945 die Erlaubnis gegeben, drei Tage lang zu plündern und zu vergewalti-
gen, als eine Spätfolge der NS-Propaganda zu werten. Ein spezifischer Befehl
zu Notzucht und Plünderung erging nie. Im Gegenteil: Zumindest formal
stand auf diese Verbrechen die Todesstrafe.392
Konkret thematisierte der Leiter der Politabteilung der 57. Armee, Gene-
ralmajor Georgij K. Cinev, das Problem anhand der Lage in Radkersburg
Ende April 1945: „Die in den ersten Tagen aufgetretenen Fälle von Plünde-
rungen und Vergewaltigungen riefen unter der Bevölkerung eine gewisse
Wachsamkeit, mitunter sogar Angst vor den Rotarmisten wie auch ein Miss-
trauen gegenüber diesen hervor. Allerdings wissen alle, dass diese Vergehen
von uns nicht gefördert, sondern bestraft werden.“ Erstaunlich offen legte
Cinev daraufhin die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis dar: „Dieses
bei der Stadtbevölkerung verbreitete Gefühl brachte eine Ortsbewohnerin fol-
gendermaßen zum Ausdruck: ‚Wir wissen alle sehr wohl, dass Stalin befoh-
len hat, sich gut gegenüber den Österreichern zu verhalten, doch mich, eine
50-jährige Frau, haben sie flachgelegt und vergewaltigt.‘“393
Nur rund zwei Wochen später berichtete Cinev Ähnliches über Graz: „Ei-
nen großen Teil der Bewohner (die sozialdemokratischen und kommunis-
tischen Arbeiter ausgenommen) erfüllte unsere Ankunft mit Angst. […] In
den letzten beiden Tagen kam es zu einigen Fällen von Vergewaltigungen
und Plünderungen von Wohnungen und Geschäften, die in der Stadt große
Aufregung verursachten.“ Bezeichnend ist auch sein Verweis auf die Frage
nach den Tätern: „Die Schuldigen an diesen Übergriffen konnten noch nicht
ausgeforscht werden. Es gibt Gerüchte, dass für diese Gewalttaten und Plün-
derungen ausländische Arbeiter (Franzosen, Polen u. a.), darunter auch Rus-
sen, verantwortlich sind.“ Der Militärrat würde allerdings „Maßnahmen zur
Säuberung der Stadt von dieser Kategorie von Personen“ durchführen.394
391 RGVA, F. 38756, op. 1, d. 6, S. 140–143, hier: S. 142, Bericht des Kommandeurs der 66. NKVD-Schüt-
zendivision, Generalmajor Bulyga, und des stv. Stabsleiters, Hauptmann Levinenko, an den Kom-
mandeur des 40. NKVD-Grenzregiments über Vergehen von Angehörigen der Roten Armee und
der NKVD-Truppen in Rumänien, 16.6.1945.
392 Schmidt-Harzbach, Eine Woche im April, S. 31; Merridale, Iwans Krieg, S. 340.
393 CAMO, F. 413, op. 10389, d. 45, S. 261–266, Bericht des Leiters der Politabteilung der 57. Armee,
Generalmajor Cinev, an den Leiter der Politabteilung der 3. Ukrainischen Front, Anošin, über die
Lage in Radkersburg, 28.4.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark,
Dok. Nr. 26.
394 CAMO, F. 413, op. 10389, d. 46, S. 276–281, hier: S. 280, Bericht des Leiters der Politabteilung der 57.
Armee, Generalmajor Georgij K. Cinev, über Graz, 12.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die
Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 42.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918