Seite - 422 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung422
Anfang Juni hatte sich die Einstellung gegenüber der Roten Armee laut
Einschätzung der Politabteilung gebessert: Nun wären die Bewohner in der
Lage, „zwischen der Politik der Armee in ihrer Gesamtheit und den Taten
einzelner Marodeure zu unterscheiden“. Die Einheimischen begegneten der
Roten Armee „wohlgesonnen, wenn auch diese Wohlgesonnenheit mit ei-
nem beträchtlichen Maß an Furcht einhergeht“. Die Angst vor den sowjeti-
schen Soldaten äußerte sich etwa darin, dass sogar im Stadtzentrum abends
die Häuser fest verschlossen wurden. Am Stadtrand, so die Beobachtung der
Sowjets, war es „Offizieren und Soldaten der Roten Armee sogar tagsüber
beinahe unmöglich, in manche Häuser eingelassen zu werden“. Obwohl die-
se Vorsichtsmaßnahmen in Anbetracht der leidvollen Erfahrungen selbstver-
ständlich waren, klingt hier Überraschung an. Wohlwollend wurde hingegen
registriert, dass die verbreiteten Gerüchte der ersten Zeit, wonach „sich die
Rote Armee an den Österreichern rächen“ und „auf die Österreicher Sibirien
warten“ würde, nunmehr verstummt waren.395
Gerüchten und „Klatsch“ widmeten sowjetische Stellen besondere Auf-
merksamkeit, sahen sie darin doch einen Spiegel der Stimmung unter der
Bevölkerung. So hörte ein in Wien stationierter TASS-Korrespondent „häu-
fig“ in den Warteschlangen vor Zeitungskiosken diverse „interessante Ge-
spräche“, die er umgehend nach Moskau rapportierte. „Natürlich“, betonte
er dabei, „waren hier diverse faschistische Elemente am Werk, die absichtlich
diverse Gerüchte in Umlauf brachten.“ Auf der anderen Seite gestand er auch
offen Disziplinverstöße seitens der Roten Armee ein. Diese wären zwar dank
des „schonungslosen Kampfes“ seit Kriegsende zurückgegangen, doch kä-
men sie weiterhin vor. „Das Schlimme daran ist, dass es auf Schritt und Tritt
nicht gelingt, die Täter festzunehmen. Die Einwohner sagen, dass es, bitte
sehr, die Rotarmisten waren.“396
Welche Bedeutung die sowjetische Seite der Wirkung von Übergriffen auf
die Bevölkerung beimaß, kommt indirekt auch dadurch zum Ausdruck, dass
sie Gewalttaten westlicher Besatzungstruppen besonders erfreut zur Kennt-
nis nahm. Derartige Vergehen wirkten sich nämlich, so die sowjetische Beob-
achtung und Schlussfolgerung, negativ auf die Einstellung der Österreicher
395 CAMO, F. 413, op. 10839, d. 46, S. 1–8, hier: S. 7f., Bericht des Leiters der Politabteilung der 57. Ar-
mee, Generalmajor Cinev, an den Leiter der Politabteilung der 3. Ukrainischen Front, Anošin, über
die Lage in Graz, 5.6.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok.
Nr. 26.
396 AVP RF, F. 07, op. 10, p. 154, d. 13, S. 2–10, Bericht des TASS-Korrespondenten Lisin an den verant-
wortlichen Leiter der TASS, N. G. Pal’gunov, über den politisch-moralischen Zustand in Österreich
nach der Befreiung, 29.5.1945. Abgedruckt in: Institut Voennoj Istorii, Krasnaja Armija v stranach
Central’noj Evropy, S. 667–671.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918