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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 423
gegenüber den Westalliierten aus. Beispielsweise hätte die Grazer Bevölke-
rung anfangs noch den Wunsch verspürt, Teil der britischen Zone zu sein.
„Doch jetzt sind in der Stadt Gerüchte über Gewalttaten von britischen und
vor allem US-amerikanischen Soldaten im Umlauf.“ Bemerkenswert ist die
rassistische Komponente derartiger Schilderungen: „Man spricht dabei im
Besonderen über unzählige Gewaltverbrechen, die von Truppen aus den Ko-
lonien und von amerikanischen Schwarzen in Mattsee und Salzburg verübt
werden. Diese (überaus weit verbreiteten) Gerüchte führen zu einem Abküh-
len der probritischen Sympathien.“397 Auch drei Jahre später, als Generalma-
jor Cinev bereits Leiter des Stabes des Sowjetischen Teils der Alliierten Kom-
mission war, gab er unermüdlich Informationen etwa über „amerikanische
Ausschreitungen“ an das Zentralkomitee der VKP(b) weiter.398
2.5.6 Gegenmaßnahmen: Kontrolle, Schulung, Strafen
Wie bei anderen Disziplinarverstößen versuchte die Armeeführung auch
in diesen Fällen, über mehrere Maßnahmen Herr der Lage zu werden: Eine
Möglichkeit bestand – zumindest in der Theorie – darin, die Armeeangehöri-
gen so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten. So sollte etwa eine Kaser-
nierung der Soldaten unmittelbare Kontakte zur Bevölkerung reduzieren. In
den Garnisonen und den angrenzenden Gebieten hatten die Garnisonsleiter
nach Kriegsende einen 24-stündigen Streifendienst einzurichten.399 Weder
durften unbefugte Personen auf das Armeegelände gelangen, noch durften
sich Angehörige des Mannschaftsstandes unerlaubt von der Truppe entfer-
nen.400 Kamen Besatzungssoldaten außerhalb der Garnisonen zum Einsatz,
waren sie besonders aufmerksam zu überprüfen und zu kontrollieren.401
397 CAMO, F. 413, op. 10839, d. 46, S. 1–8, hier: S. 7f., Bericht des Leiters der Politabteilung der 57. Ar-
mee, Generalmajor Cinev, an den Leiter der Politabteilung der 3. Ukrainischen Front, Anošin, über
die Lage in Graz, 5.6.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok.
Nr. 26.
398 RGASPI, F. 17, op. 128, d. 507, S. 94–129, hier: S. 108f., Bericht des Leiters des Stabes der SČSK, Gene-
ralmajor Cinev, über die Lage in den westlichen Zonen Österreichs per 15. Oktober 1948, 9.11.1948.
399 CAMO, F. 821, op. 1, d. 140, S. 251, Befehl des Kommandanten der 61. Garde-Schützendivision, Gar-
de-Generalmajor Sergeev, über die Ernennung von Garnisonskommandanten im Raum Voitsberg
und die Ahndung von Übergriffen gegen die Bevölkerung, 11.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl,
Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 40.
400 CAMO, F. 821, op. 1, d. 140, S. 254, Befehl des Kommandanten der 20. Garde-Schützendivision über
Maßnahmen zur Einrichtung und Verbesserung des Garnisonsdienstes, 12.5.1945. Abgedruckt in:
Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 43.
401 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 164f., Vorschläge des Zampolit der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der CGV, Oberstleutnant Gončarev, an die Kommandeure der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der CGV, über Maßnahmen zur Steigerung der Disziplin, 11.9.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918