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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung426
Österreich. Daher informierte der politische Berater der SČSK, Evgenij Kise-
lev, den Stellvertreter des Volkskommissars für auswärtige Angelegenheiten,
Vladimir Dekanozov, über „Fälle von Undiszipliniertheit von Soldaten der
Roten Armee“. Diese waren „offensichtlich Ergebnis mangelhafter politischer
und erzieherischer Arbeit unter Soldaten, von Befehlshabern und Komman-
danten“ und hinterließen einen „äußerst schlechten Eindruck“, was, so Kise-
levs Einschätzung, den „Nährboden für die Entfaltung von Aktivitäten reak-
tionärer und antisowjetischer Elemente“ schuf. Als Beispiel führte er einen
„schwerwiegenden Fall“ aus Krems an, wo im Sommer 1945 innerhalb von
einer Woche „einige Dutzend Frauen vergewaltigt und bis zu 17 friedliche
Bewohner verletzt wurden. Dieser Vorfall wurde vom Tribunal untersucht
und der Schuldige erschossen.“409
Theorie und Praxis klafften allerdings häufig weit auseinander. Besonders
schwer wiegt, dass Vergewaltigungen während des Krieges selten geahndet
wurden. Bis zum Frühjahr 1945 kämpften die Soldaten noch unter dem Be-
fehl, Rache zu üben. Als die sowjetische Führung den „hohen Preis der unmi-
litärischen Gewalt“ erkannte, forderte sie strengere Maßnahmen zur Steige-
rung von Disziplin und Kampfbereitschaft. Einige Offiziere zogen daraufhin
die Zügel an und ließen sogar Exekutionen durchführen, wie das Beispiel
von Krems zeigt. Üblicherweise kamen jedoch die Täter mit ziemlich milden
Strafen davon, sofern man ihnen nicht gänzlich verzieh: Die Militärtribunale
verurteilten sie gewöhnlich zu fünf Jahren ITL, die sich, speziell bei Soldaten
mit guter Kampfbilanz, auf zwei Jahre oder weniger reduzieren ließen.410 Das
Strafausmaß war somit nicht höher als bei Desertion. Wurde ein Vergewal-
tigungsversuch aktenkundig, zog dies meist nur eine Disziplinarstrafe nach
sich.411
Häufig räumten die Armee- und NKVD-Berichte Vergewaltigungen gleich
viel – bzw. wenig – Platz ein wie schweren Fahrrad- oder Motorradunfällen
von Armeeangehörigen. So hieß es etwa lapidar unter der Rubrik „Vorfälle
und militärische Verbrechen“: „Sergeant Sablin und Untersergeant Kame-
nen verübten eine Vergewaltigung eines österreichischen Mädchens. Sablin
409 AVP RF, F. 06, op. 7, p. 26, d. 322, S. 20–26, Bericht von Kiselev und dem Stellvertreter des politi-
schen Beraters, Spičkin, über die politische Stimmungslage in der sowjetischen Besatzungszone in
Wien, 15.8.1945. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich,
Dok. Nr. 67.
410 Merridale, Iwans Krieg, S. 350. Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.5.4 „Fünf Jahre ITL: ein exemplari-
scher Fall“ in diesem Band.
411 Ein Beispiel dafür findet sich etwa in: RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 164f., Vorschläge des Zam-
polit der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberstleutnant Gončarev, an die
Kommandeure der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, über Maßnahmen zur
Steigerung der Disziplin, 11.9.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918