Seite - 428 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung428
Bezeichnenderweise reagierte Stalin während eines im Jänner 1945 geführ-
ten Gesprächs mit Anrija Hebrang, einer der führenden Persönlichkeiten der
kroatischen kommunistischen Bewegung während des Zweiten Weltkriegs,
gereizt auf dessen Kritik an den Übergriffen sowjetischer Soldaten und ver-
langte, man müsse einen Soldaten verstehen, der 3000 Kilometer von Stalin-
grad bis nach Budapest zurückgelegt habe: „Der Soldat denkt, er ist ein Held,
für ihn ist alles möglich, heute lebt er, morgen wird er getötet, ihm wird alles
verziehen. Die Soldaten sind müde, sind zermürbt vom langen und schweren
Krieg. […] Es gibt einzelne Fälle, die unsere Soldaten in Verruf brachten. Wir
erschießen [sie] dafür. Aber man muss daran denken, was die Menschen mit-
gemacht haben, dass ihre Nerven versagen, dass sie glauben, dass sie Helden
sind, denen alles erlaubt ist.“415
Eine analoge Einschätzung äußerte der Kremlchef, als man ihn auf Über-
griffe in der Westslowakei ansprach: „In ihrem Siegeszug lässt die Rote Ar-
mee manchmal unnötige Übertreibungen zu. Ich bitte Sie, dies zu entschuldi-
gen und nicht böse zu sein. Ich bitte Sie zu entschuldigen, dass es auf Ihrem
Staatsgebiet zu manchen Unanständigkeiten kommen kann. Dies ist durch
die psychologische Verfassung des Soldaten der Roten Armee zu erklären.
So ein Soldat legte einen Weg von Stalingrad nach Deutschland zurück und
jetzt sieht er sich am Gipfel seines Siegesruhmes. Jeder von ihnen hält sich
für einen Helden und meint, dass ihm als Helden alles erlaubt ist und alles
verziehen wird.“416
In ähnlicher Weise berichtete Milovan Djilas, Mitglied des Politbüros der
Kommunistischen Partei Jugoslawiens, von einem Eklat, nachdem er ge-
genüber Stalin die Vergewaltigungen der Roten Armee in Jugoslawien an-
gesprochen hatte. Stalin ärgerte sich über Djilas’ Einmischung und reagierte
mit einer zynischen Verharmlosung der Vorfälle: „Kann er es nicht verstehen,
wenn ein Soldat, der durch Blut und Feuer und Tod gegangen ist, an einer
415 AVP RF, F. 06, op. 7, p. 53, d. 872, S. 10, Gespräch Stalins mit Hebrang, 9.1.1945. Zit. nach: T. V. Volo-
kitina (Hg.), Sovetskij faktor v Vostočnoj Evrope 1944–1953. Bd. 2. 1949–1953. Dokumenty. Moskau
1999, S. 192. Vgl. dazu auch: Donal O’Sullivan, Stalins „Cordon sanitaire“. Die sowjetische Osteuro-
papolitik und die Reaktionen des Westens 1939–1949. Paderborn – München – Wien – Zürich 2003,
S. 277; Dornik, Besatzungsalltag in Wien, S. 456f.
416 Státní Ústřední Archiv Česke Republiky, F. 100/24, Sv. 172, Aj. 1534, Notiz Zorins über ein Ge-
spräch mit Fierlinger. Zit. nach: Volokitina, Sovetskij faktor v Vostočnoj Evrope, S. 192. Vgl. dazu
AVP RF, F. 0138, op. 26, p. 132, d. 8, S. 77–78, Tagebucheintragung Zorins über das Gespräch zwi-
schen dem Premierminister der Tschechoslowakei, Z. Fierlinger, und dem stv. Außenminister, V.
Klemenits, über ein mögliches trilaterales Abkommen zwischen der UdSSR, der Tschechoslowa-
kei und Polen sowie das Verhalten der Roten Armee in der Westslowakei, 25.5.1945. Abgedruckt
in: Volokitina, Sovetskij faktor v Vostočnoj Evrope, S. 191. Vgl. Dornik, Besatzungsalltag in Wien,
S. 457f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918