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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung438
schiedenen Kategorien an Festgenommenen weitere Deserteure, denn insge-
samt wurden 1181 Personen als Deserteure aus den Reihen der Roten Armee
„überführt“. Dazu zählten „Marodeure“, „Verräter“, ehemalige Kriegsgefan-
gene, Armeeangehörige ohne entsprechende Dokumente oder jene, die sich
„unorganisiert vom Kampfschauplatz zurückgezogen hatten“ oder „einer
Einkesselung entkommen waren“.449 Der NKVD hatte alle Hände voll zu tun.
Es gab verschiedene Möglichkeiten, unterzutauchen. Manche versteckten
sich in privaten Quartieren oder in abgelegenen Ortschaften, andere fälschten
Dokumente, wodurch sie sich eine scheinbare Legalität verleihen wollten, wie-
der andere versuchten, sich in die westlichen Besatzungszonen oder ins Aus-
land abzusetzen. Auch Desertionen aus dem Krankenhaus bzw. auf dem Rück-
weg vom Krankenhaus zu den eigenen Truppen sowie im Zuge der eigenen
Demobilisierung sind belegt. Besonders häufig sollten „fiktive Dokumente“ die
Verlegung in ein Spital oder die Genehmigung einer Dienstreise vortäuschen.450
Etwas dreist erscheint dabei der Versuch eines desertierten Leutnants, der
sich vier Monate lang mit gefälschten Dokumenten als Kommandant eines
abgelegenen niederösterreichischen Dorfes ausgab. Dank eines Hinweises
der lokalen Behörden wurde er entlarvt. Fahnenflüchtigen aus den Reihen
der Roten Armee schrieb der NKVD anscheinend besonders gerne zu, sich
dem Alkohol hingegeben und einheimische Frauen vergewaltigt zu haben
– so auch im Falle des ehemaligen Untersuchungsführers des Militärstaats-
anwalts der 3. Ukrainischen Front. Er kehrte an seinen früheren Arbeitsplatz,
die Militärstaatsanwaltschaft der nunmehrigen CGV, zurück – allerdings in
der Rolle eines Angeklagten.451
Andere Soldaten entschlossen sich, nach ihrer Demobilisierung nicht in
die Sowjetunion zurückzukehren, sondern mithilfe gefälschter Dokumente
dauerhaft in Österreich oder Ungarn zu verbleiben. Dabei beunruhigte den
NKVD vor allem, dass „dieses Element [ein Deserteur] häufig mit der örtli-
chen Unterwelt in Verbindung tritt und dadurch größere Möglichkeiten für
seine verbrecherische Tätigkeit und Maskierung erhält“.452 Man machte De-
449 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 219, S. 113–115, Bericht des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, und des stv. Stabschefs, Major
Gru’ev, über die Festnahmen im 1. Halbjahr 1945 [Juli 1945]. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die
Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 105.
450 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 13, S. 70f., Operative Tagesmeldung Nr. 00228 des Kommandeurs des
336. NKVD-Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Stabschefs, Major Buškov, an den
Leiter der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV und den Militärrat der 4. Garde-
Armee, 17.8.1945.
451 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 13, S. 72–75, hier: S. 74, Operative Tagesmeldung Nr. 00229 des Kom-
mandeurs des 336. NKVD-Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Stabschefs, Major
Buškov, 18.8.1945.
452 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 111, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918