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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 439
serteure für Raubüberfälle auf Einheimische und Rotarmisten verantwortlich,
die bei Widerstand mit Mord endeten.453
Ein Beispiel dafür ist der Fall eines am 3. Mai 1945 aus seiner Einheit de-
sertierten Leutnants, der acht weitere Fahnenflüchtige der Roten Armee „um
sich scharte“. Zur „Legalisierung“ ihres Status fertigte der Offizier ein Siegel
der 297. Schützendivision der 46. Armee an und entwarf für jeden aus sei-
ner Gruppe eine fiktive Dienstvorschrift, welche die Beschaffung von Nah-
rungsmitteln für die Division vorsah. Die Gruppe beschlagnahmte bei der
Bevölkerung 150 Rinder und bis zu 700 Schweine, die sie gegen Spirituosen,
Wein, Nahrungsmittel und andere Gegenstände sowohl bei Einheimischen
als auch bei militärischen Einheiten eintauschten. „Daneben führte die Grup-
pe auch illegale Beschlagnahmungen von Kleidungsstücken bei der Bevölke-
rung durch, gab sich dem Alkohol hin und lebte in wilder Ehe mit örtlichen
Frauen zusammen, die man mit verschiedenen geraubten Gegenständen
versorgte.“454 Stolz zog der NKVD folgendes Resümee: „Im Zuge der vom
134. Grenzregiment ergriffenen Maßnahmen wurden die Mitglieder der neun
Mann starken Gruppe festgenommen.“455
Als charakteristisch ist auch das Verhalten des ehemaligen Adjutanten
von General Baratov, einem ehemaligen Mitglied des Stabes der CGV, zu
bezeichnen: Der demobilisierte Leutnant kündigte seinen Dienst und wurde
aus dem Evidenzverzeichnis gestrichen. Man vermutete ihn bereits zurück
in der Sow jetunion. Doch tatsächlich lebte er mit seiner Frau in der ihm als
Offizier zugeteilten Wohnung in Österreich, hatte sich zwei Fahrzeuge an-
geeignet und „frönte einem parasitären Lebensstil, den er sich mit dunklen
Machenschaften finanzierte“.456 Ein anderer Leutnant focht die ihm auferlegte
Frist zur Rückkehr an, da seine Frau noch zahlreiche Aufträge als Schneiderin
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
453 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 23–26, hier: S. 23, Operative Tagesmeldung Nr. 0010 des Kom-
mandeurs des 24. NKVD-Grenzregiments, Oberst Kapustin, und des Stabschefs, Major Galeev,
14.1.1946.
454 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 214, S. 80–92, hier: S. 91, Bericht des Chefs der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Ivan Pavlov, über die Kampfein-
sätze und die Tätigkeit der NKVD-Truppen im Zeitraum April–Mai 1945, Juni 1945. Abgedruckt in:
Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 84.
455 Ebd.
456 RGASPI, F. 17, op. 128, d. 117, S. 199–201, Bericht von G. N. Moločkovskij an die Abteilung für
Propaganda und Agitation des ZK der VKP(b) über die Disziplin der sowjetischen Truppen in Ös-
terreich [spätestens am 11.12.1946]. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote
Armee in Österreich, Dok. Nr. 127.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918