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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 441
Österreich und Ungarn zu bleiben.
Sie loben die Ordnung und die Le-
bensbedingungen in den kapitalis-
tischen Ländern Europas und ver-
leumden die Sowjetunion. Einige
Offiziere haben ein Verhältnis mit
österreichischen Frauen, was poli-
tisch folgenschwer ist.“460
Liebesbeziehungen zu Öster-
reicherinnen galten nicht nur als
„politisch folgenschwer“, sie gaben
auch in einigen Fällen den Aus-
schlag für Fahnenflucht. Schließ-
lich waren Eheschließungen und
dauerhafte Bindungen zwischen
sowjetischen Besatzungsangehö-
rigen und ausländischen Frauen
nicht erlaubt. Weder durfte der
Armeeangehörige dauerhaft in
Österreich bleiben noch konnte er
eine Österreicherin in die UdSSR
mitnehmen. Als einziger – illegaler
– Ausweg blieb somit die Deserti-
on. Beispielsweise gelang einem
Rotarmisten gemeinsam mit seiner österreichischen Freundin die Flucht in die
westliche Besatzungszone und weiter nach Frankreich, wo sie heirateten.461
Auch der umgekehrte Fall ist belegt: Die Frau eines sowjetischen Offiziers,
der in Bruck an der Leitha stationiert war, entschloss sich, wegen ihrer Be-
ziehung zu einem Österreicher nicht zurück in die UdSSR zu gehen. Als die
Truppen – und mit ihnen ihr Ehemann und die beiden Söhne – 1955 abzogen,
versteckte sie sich. Sie heiratete eben erwähnten Österreicher und verbrachte
den Rest ihres Lebens in Niederösterreich.462
Weniger Glück hatte hingegen Georgij Elizarov, leitender Inspektor der
460 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 11, S. 158f., Direktive Nr. 00811 des Leiters der Politischen Abteilung
der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Nanejšvili, über eine
Verbesserung der erzieherischen Arbeit innerhalb des Mannschaftsstammes, 4.7.1945. Abgedruckt
in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 64. Vgl. Stelzl-Marx,
Freier und Befreier, S. 432.
461 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 423.
462 Tanja N., Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Bruck/Leitha 15.6.2007. Siehe dazu auch
das Kapitel B.II.2.2 „Reaktionen von österreichischer Seite“ in diesem Band.
Abb. 58: Diesem ehemaligen sowjetischen Besat-
zungssoldaten gelang mit seiner österreichischen
Freundin die Flucht nach Frankreich, wo sie heira-
teten. Ohne die Desertion wäre ein gemeinsames
Leben unmöglich gewesen. (Quelle: Sammlung
Stelzl-Marx, Bestand Czernik)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918