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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 445
In einigen Fällen führte die Angst vor möglicher Bestrafung zur Deser-
tion. Dies vermutete zumindest der NKVD. So hieß es beim Rotarmisten
Makoveev, der einem Gefangenen zwei Uhren entwendet und ihn darauf-
hin freigelassen hatte: „Da er entlarvt wurde und Angst hatte, zur Verant-
wortung gezogen zu werden, desertierte Makoveev am 13. März 1946 aus
seinem Regiment.“475 Ähnlich gestaltete sich die Argumentation hinsichtlich
des Kochs des 3. Bataillons des 383. Schützenregiments, Blonskij. Er deser-
tierte am 26. März 1946 „aus Angst vor Bestrafung für den Diebstahl von
Lebensmitteln“.476 Ob die vorgebrachten Gründe stimmten oder ob auch an-
dere Aspekte eine Rolle spielten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Keiner
von beiden wurde wieder aufgegriffen.
Belegt sind hingegen die Aussagen von Michail Lapin, der mehrfach aus
der Armee desertierte und den das Militärtribunal der CGV schließlich im
April 1951 wegen Vaterlandsverrats zum Tod durch Erschießen verurteilte.
In seinem Gnadengesuch an das Präsidium des Obersten Sowjets führte der
notorische Deserteur an, aus Angst vor Bestrafung geflohen zu sein.477 Dies
bewahrte ihn allerdings nicht vor seiner Hinrichtung.
2.6.6 Die Verantwortung von Vorgesetzten und Politorganen
Wie bei allen unerfreulichen Vorfällen in der Armee zog man auch hier die
Vorgesetzten zur Verantwortung und gab – einmal mehr – fehlender poli-
tisch-ideologischer Schulung die Schuld. Die Rote Armee war schließlich
eine politische Armee. Als sich ab Sommer 1945 die Desertionen in Öster-
reich und Ungarn erneut zu häufen begannen, schlug der Militärrat der CGV
Alarm. Denn „sogar Offiziere“ hätten Fahnenflucht begangen. Beispielsweise
sei Anfang August Sergeant Gorjunov desertiert, ein Träger der hohen mi-
litärischen Auszeichnung „Roter Stern“ („Krasnaja Zvezda“) und der Me-
daille „Für militärische Verdienste“ („Za boevye zaslugi“). Die negativen
Begleiterscheinungen blieben nicht unerwähnt: „Es wurde festgestellt, dass
sich viele Deserteure in Siedlungen der Tschechoslowakei, Österreichs und
Ungarns versteckt hielten, Banditenunwesen trieben, und einige fanden bei
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
475 Ebd.
476 Ebd.
477 GARF, F. 7523, op. 76, d. 45, S. 9–13, hier: S. 10f., Gnadengesuch von Michail Lapin an das Präsidium
des Obersten Sowjets der UdSSR, 14.8.1951. Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.2 „Verurteilt zum Tod
durch Erschießen“ in diesem Band.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918