Seite - 449 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 449
Unglück zu stürzen!‘ Hat der eine Polizist gesagt. Aber ich war nicht schuld.
Also, ich mein, er wollte immer flüchten. Aber bei allen Verhören habe ich
[das] nie gesagt, also [nur,] dass er immer nur unsere Beziehung in den Vor-
dergrund gestellt hat. Und ich bin eingesperrt gewesen.“488
Die Wienerin wurde, ebenso wie Elizarov, in die sowjetische Stadtkom-
mandantur im Palais Epstein gebracht und in einer kleinen Zelle eingesperrt.
Bei den anschließenden Verhören stand die Frage im Vordergrund, ob es
Kontakte zum Westen gegeben hatte. Doch Bianca H. konnte anscheinend
glaubhaft vermitteln, dass sie nur wegen ihrer Liebesbeziehung „unterge-
taucht“ waren: „Er [ein Verhöroffizier] hat sich gedacht: ‚Mein Gott! So ein
junges Madl! Dumm wie die Nacht‘, wird er sich gedacht haben.“ Sie ver-
mutet, dass sich Elizarov bei seinen ehemaligen Arbeitskollegen in der Stadt-
kommandantur für ihre Entlassung einsetzte. Nach etwa zwei Wochen ließ
man sie frei. Zuvor hatte noch ein Wachposten versucht, sie zu vergewalti-
gen. Diesen hatte sie jedoch mit der Warnung, sie werde es dem General mel-
den, abwehren können: „Ja, und da war er schon weg. Der ist aufgestanden
und ist weg. […] Wir haben das [die Möglichkeit einer Vergewaltigung] ein-
mal mit Georg besprochen, und da hat er halt gesagt, also, das soll ich sagen.
Und der [Wachposten] war schon weg auch.“489
Nach ihrer Freilassung konnte sie Elizarov noch einmal im Badener MVD-
Gefängnis besuchen. Dies sollte ihr letztes Treffen sein: „Und eines Tages war
vor meiner Wohnung ein Russe und hat mir schöne Grüße gebracht und hat
gesagt, ich soll mit ihm kommen, ich kann ihn besuchen. Also, da hat er auch
wieder, da hat er halt wieder einen – weiß nicht – bestochen, weiß nicht, ir-
gendetwas hat er schon gemacht. Ich mein, da habe ich ihn auch besucht. Hab
ihn vielleicht so fünf Minuten gesehen. Er war in einem furchtbaren Zustand.
Also, insofern ungewaschen. Das riecht man ja, also ganz furchtbar.“490 Das
Militärtribunal in Baden verurteilte Elizarov wenig später wegen Vaterlands-
verrats zum Tod. Dank der Abschaffung der Todesstrafe im Mai 1947 wurde
die Todes- in eine 25-jährige Haftstrafe umgewandelt. Er kam, wie erwähnt,
im April 1956 im Zuge des Chruščev’schen Tauwetters frei.491
488 OHI, Bianca H. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Gerasdorf 29.11.2006. Zur Rolle von KP-
Polizisten als Unterstützer der sowjetischen Spionageabwehr siehe: Dieter Bacher, Die KPÖ und
die sowjetischen Nachrichtendienste. Zweiseitige Kontakte im frühen Kalten Krieg, in: Stefan Kar-
ner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher
in Moskau 1950–1953. Unter Mitarbeit von Daniela Almer, Dieter Bacher und Harald Knoll. Wien
– München 2009, S. 189–204, hier: S. 197f.
489 OHI, Bianca H.
490 Ebd.
491 Voroncov, Reka vody žizny, S. 141, 174f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918