Seite - 451 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 451 -
Text der Seite - 451 -
2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 451
verfolgt. Koltunov dient weiterhin in der Sowjetischen Armee in einer Un-
tereinheit zur Bewachung der Demarkationslinie.“ Das MT erkannte somit
den Widerspruch zu Artikel 17 des StGB und zu Artikel 117 der Strafpro-
zessordnung (UPK), wonach Pühringer zu 25 Jahren ITL verurteilt worden
war: „Die Anstifter und Mithelfer sind für jenes Verbrechen verantwortlich,
das vom Täter begangen wurde, und deshalb kann die Frage über die ge-
richtliche Verantwortung Pühringers gemäß Artikel 17-58-1b des StGB nur
im Zusammenhang mit und abhängig von der Lösung der Frage über die
gerichtliche Verantwortung Koltunovs entschieden werden.“ Die scheinbar
logische Schlussfolgerung: „Ohne einen Verübenden eines Verbrechens kann
es auch keine Mittäter an einem Verbrechen geben.“495 Die Schlussfolgerung
war jedoch nur scheinbar logisch. Denn am 3. Juli 1948 verurteilte die Son-
derbehörde (OSO) des MGB Pühringer nach Artikel 58-4 („Unterstützung
der internationalen Bourgeoisie“) zu zehn Jahren ITL.496 Am 14. Oktober 1953
kehrte er schwer krank nach Österreich zurück. Die Hauptmilitärstaatsan-
waltschaft erklärte ihn im Februar 2003 als rehabilitiert.497
Die Beihilfe zur Flucht eines sowjetischen Offiziers in die amerikanische
Besatzungszone sollte auch Ingeborg Louzek zum Verhängnis werden.498 Im
Sommer 1946 lernte die damals 19-jährige Wienerin den in Österreich statio-
nierten Hauptmann Veniamin Petrovič Kolesnikov499 kennen und ging mit
ihm eine Liebesbeziehung ein. Als Kolesnikov 1947 demobilisiert wurde, ent-
zog er sich einer Rückkehr in die Sowjetunion. Er versteckte sich zunächst
in Louzeks Wohnung, wurde allerdings im April 1947 als „Vaterlandsverrä-
ter“ verhaftet. Dem Deserteur gelang jedoch im Juni die Flucht. Er plante, mit
Louzeks Hilfe die Demarkationslinie zu überschreiten.
Wie die Flucht vor sich ging, beschrieb die später zum Tod verurteilte Frau
in ihrem Gnadengesuch an das Präsidium des Obersten Sowjets. Es handelt
sich dabei um eine der seltenen überlieferten Schilderungen, wie ein sowjeti-
scher Armeeangehöriger illegal in die amerikanische Besatzungszone gelangte:
„Ich sprach mit meinem Bekannten Karl A. und bat ihn, mir zu helfen, Koles-
nikov über die Demarkationslinie zu bringen. […] A. konnte nicht ablehnen,
495 Ebd.
496 RGVA, F. 461p, d. 172348, S. 1–76, hier: S. 6, Personalakt Florian Pühringer, Auszug aus dem Proto-
koll Nr. 27 der OSO MGB UdSSR, 3.7.1948.
497 AdBIK, Datenbank verurteilter österreichischer Zivilisten in der UdSSR; GVP, Nr. 7u/3–7161–48,
Rehabilitierungsbescheid Florian Pühringer, 26.2.2003.
498 Vgl. dazu Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 43–45; Petschnigg, Stimmen aus der Todes-
zelle, S. 465–470.
499 Nach einer anderen Version: „Kostikov“. Vgl. GARF, F. 7532, op. 66, d. 102, S. 45–48, Stellungnahme
des Obersten Gerichts zu den Gnadengesuchen von Aleksandr Achtyrskij, Alois Kolber und Edel-
traude Kolacek-Greskova an das Präsidium des Obersten Sowjets, 19.4.1950.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918