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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 455 -
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 455 2.7.1 Mord an Besatzungssoldaten Bei schwerer Körperverletzung oder Mord ließ sich allerdings nur wenig ver- tuschen. Als Beispiel für diese Kategorie von Verbrechen und die Sicht der sowjetischen Armeeführung soll der folgende Fall aus Wien dienen: In der Nacht des 15. April 1945 betranken sich die beiden Wachposten Sapožnikov und Lučnikov im Dienst. Sapožnikov schickte seinen Kameraden in dessen Unterkunft, während er selbst zu einer Österreicherin ging und mit ihr Ge- schlechtsverkehr hatte. Danach schlief der Rotarmist mit der Waffe unter sei- nem Kopfpolster ein. Die Frau, Luise St., ging daraufhin zur Polizei im 17. Bezirk. Hier meldete sie, dass sich in ihrer Wohnung „ein russischer Soldat befindet, der sie vergewaltigen will“. Gemeinsam mit vier Polizisten kehrte sie in ihre Wohnung zurück, wo sie den schlafenden Sapožnikov vorfanden. Einer der Polizisten befahl, er solle die Hände heben, doch der Besatzungssol- dat griff nach seiner Waffe, woraufhin der Polizist auf ihn schoss. Sapožnikov fiel schwer verwundet auf den Boden. Durch einen weiteren Schuss wurde er schließlich getötet.509 Nach diesem „terroristischen Akt“, so der NKVD, versteckten sich die Po- lizisten gemeinsam mit Luise St. im Polizeirevier. Die Männer warnten die Wienerin, dass sie, sollte sie jemand vom Vorfall erzählen, ebenso erschossen werden würde. Bereits am folgenden Tag machte der NKVD Luise St. ausfin- dig, die gegen die Polizisten aussagte. Einen Tag später, am 17. April, erfolgte die Verhaftung der vier Polizisten, die sich für schuldig erklärten. Die Män- ner wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.510 Die „Schuld“ für den Tod des Besatzungssoldaten lag aus Sicht seiner Vor- gesetzten in erster Linie bei ihm selbst: Zu seiner Ermordung sei es wegen „seiner persönlichen Undiszipliniertheit, seines Leichtsinns und des groben Verstoßes gegen die Dienstvorschrift“ gekommen. Doch auch sein unmittel- barer Vorgesetzter kam nicht ungeschoren davon. Dieser habe den Wach- dienst falsch organisiert und trage daher Mitverantwortung für den Vorfall. Er erhielt eine administrative Strafe. Mit dem Personal führte man Gespräche über den „terroristischen Akt“.511 509 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 224f., 241f., Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Leiter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945]; AdBIK, Datenbank verurteilter österreichischer Zivilisten in der UdSSR. 510 Ebd. 511 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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