Seite - 463 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 463
Nur wenig später verprügelten britische Soldaten einen sowjetischen Major,
der mit seiner Frau aus dem Stadtzentrum nach Hietzing zurückgekehrt war.
Seine Frau, die ihn schützen wollte, wurde an den Haaren zur Seite gezerrt.
Erst als ihm sowjetische Besatzungssoldaten zu Hilfe eilten, ließen die Briten
den Major in Ruhe. Er kam mit vier Stichwunden ins Spital.534
In derselben Nacht wurde außerdem noch ein Oberleutnant Pančenko mit
schweren Verletzungen ins Militärspital gebracht. Er verstarb während der
Operation. Ein Augenzeuge berichtete, dass ihn gleichfalls Briten geschlagen
und mit einem Messer attackiert hätten.535
Die Vorfälle wurden nach Moskau bis in die obersten Kreise rapportiert:
Nicht nur Innenminister Kruglov erhielt Kenntnis von den britischen Über-
griffen, auch Außenminister Molotov sollte darüber informiert werden.536
Eine der unmittelbaren Konsequenzen vor Ort bestand darin, dass die Ar-
meeführung den sowjetischen Militärangehörigen verbot, sich in den westli-
chen Besatzungszonen Wiens aufzuhalten.537 Das Risiko galt als zu hoch.
Abgesehen von Übergriffen auf die eigenen Soldaten registrierten die So-
wjets diverse Ausschreitungen der westlichen Besatzungstruppen, Letzteres
jedoch mit großer Genugtuung. Schließlich war man sich bewusst, dass das
Verhalten der eigenen Truppen nicht gerade vorbildlich war, was „die Au-
torität der Roten Armee untergrub“.538 Unter der Überschrift „Die Exzesse
der Amerikaner gehen weiter“ informierte der Stabsleiter der SČSK, Gene-
ralmajor Cinev, das ZK der VKP(b): „Mit dem Gefühl ihrer Straflosigkeit ver-
üben die Soldaten und Offiziere der amerikanischen Truppen in Österreich
Diebstähle, Morde, veranstalten Raufereien etc. Unzählige Fakten dieser ‚Tä-
tigkeit‘ der Amerikaner werden sowohl durch die angloamerikanische Pres-
se als auch beinahe durch die gesamte österreichische Presse sorgfältig vor
der Öffentlichkeit verborgen. Sie werden (auch nur auszugsweise) lediglich
zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, und des Bevollmächtigten des Stabschefs,
Major Gur’ev, an den Kommandanten der CGV, Generaloberst Kurasov, und den sowjetischen
Stadtkommandanten von Wien, Generalleutnant Lebedenko, über Übergriffe durch britische Ar-
meeangehörige, 18.5.1946.
534 Ebd.
535 Ebd.
536 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 289, S. 18, Begleitbrief des stv. Innenministers, Generaloberst Apollonov,
an Innenminister Kruglov bezüglich eines Briefentwurfs an Außenminister Molotov, 3.7.1946.
537 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 289, S. 13–15, hier: S. 14, Bericht des Leiters der MVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der CGV, Oberst Zimin-Kovalev, an den stv. Leiter der Inneren Truppen des
MVD, Generalleutnant Sladkevič, über Übergriffe durch britische Armeeangehörige, 2.7.1946.
538 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 155–162, hier: S. 159, Bericht des Kommandeurs des 24. Grenzregi-
ments, Oberst Kapustin, und des bevollmächtigten Leiters des Stabes, Hauptmann Golovačev, an
den Leiter der MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV über die militärische und
operative Tätigkeit des Regiments per 1. September 1946, [nach dem 1.9.1946].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918