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1. Die Schattenseite
1.1. Vergewaltigung, Gegenstrategien und Folgen
Die Trias Krieg – Besatzung – Sexualität war nicht nur äußerst ambivalent,
sondern auch häufig von Gewalt überschattet. Die Welle von Vergewalti-
gungen durch die Rote Armee zu Kriegsende löste einen Schock aus, der bis
heute – überproportional stark – im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung
verankert ist. Dabei spielten sowohl die aus ideologischen Gründen häufig
übertriebene Zahl an Übergriffen als auch die im Vorfeld von der NS-Propa-
ganda gezielt geschürte Panik eine Rolle. Unbestritten bleibt, dass allein die
Angst vor einer eventuell drohenden Vergewaltigung einen Akt sexueller Ge-
walt darstellt. So verlangte es etwa den Frauen in Ostösterreich all ihre Ener-
gie ab, durch unterschiedliche Strategien den Übergriffen – wenn möglich
– zu entkommen.3 Die jüdische Krankenschwester Mignon Langnas schrieb
am 1. Mai 1945 in Wien in ihr Tagebuch: „Russen sind im Haus! Während der
ganzen 7 Jahre habe ich vor Schreck + Verzweiflung nicht so gebebt wie in
diesen Stunden.“4 „Jo, des waren halt schlechte Zeiten“, charakterisieren viele
ihre Erinnerungen an das Kriegsende.5
Neben der psychischen und physischen Traumatisierung des Opfers und
eventuell auch dem Eintreten einer ungewünschten Schwangerschaft entwi-
ckelte sich der Vorfall manchmal zum geradezu lustvollen Tagesgespräch, was
die Vergewaltigungsopfer erneut demütigte, brandmarkte und demoralisierte.
Diese fehlende Solidarität der Bevölkerung, ihre Sensationsgier und das latente
patriarchalische Vorurteil, die Frau habe Mitschuld an derartigen Übergriffen,
ließen viele Betroffene verstummen oder von ihrem Heimatort, wo jeder genau
Bescheid wusste, wegziehen. Die Schweigemauer wurde durch den intimen
Charakter der Verbrechen und durch eine falsche Scham noch verstärkt.6
Doch wollten auch viele Männer nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg von
den sexuellen Gewalterfahrungen ihrer Frauen und Töchter nichts wissen,
3 Baumgartner, Vergewaltigung zwischen Mythos und Realität, S. 79.
4 Elisabeth Fraller – George Langnas (Hg.), Mignon, Tagebücher und Briefe einer jüdischen Kranken-
schwester in Wien 1938–1949. Innsbruck – Wien – Bozen 2010, S. 318f.
5 Marianne Baumgartner, „Jo, des waren halt schlechte Zeiten ...“ Das Kriegsende und die unmittel-
bare Nachkriegszeit in den lebensgeschichtlichen Erzählungen von Frauen aus dem Mostviertel.
Frankfurt am Main 1994.
6 Franz Severin Berger – Christiane Holler, Trümmerfrauen. Alltag zwischen Hamstern und Hoffen.
Wien 1994, S. 178f.; Angela Koch, Die Verletzung der Gemeinschaft. Zur Relation der Wort- und
Ideengeschichte von „Vergewaltigung“, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaf-
ten. 2004/1, S. 37–56.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918