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1. Die Schattenseite 469
entsprochen: „Und dann kam der sogenannte Treck, Sie kennen den Aus-
druck ‚Treck‘, diese Nachschubtruppen. Und das war dann wirklich das,
was wir immer gefürchtet haben, was kommen wird. Das war wirklich ein
niederes Volk. Richtig. Und die haben alle im Haus Quartier bezogen. Die
ganzen Wohnungen wurden von diesen Trecksoldaten bewohnt. Auch bis in
den zweiten Stock hinauf. Und im Haus, in der Wohnung meiner Eltern, war
die Küche, die Ausspeisung.“14
Anschließend kommt die damals 19-Jährige darauf zu sprechen, wie die
jungen Frauen durch die Verbreitung des Gerüchtes, sie litten an Syphilis,
„nicht geholt wurden“. Auch hatte die Kellergemeinschaft einen Wachpos-
ten aufgestellt, der als ehemaliger Kriegsgefangener des Ersten Weltkrieges
in russischem Gewahrsam noch etwas Russisch konnte. Dabei äußert sie sich
nochmals abwertend über die „gewöhnlichen Soldaten“ der Roten Armee:
„Und seit diesem Zeitpunkt war immer ein Wachposten im Keller. Tag und
Nacht war einer auf der Stiege. [...] Es war einer vom Ersten Weltkrieg, ein
Gefangener da. Der hat ein bisserl Russisch können, der hat sich mit diesen
gewöhnlichen Soldaten, das waren echt nur diese Trecks, diese Elite sind
weg, der hat sich mit denen unterhalten können, so recht und schlecht. Und
wir Mädchen haben immer Angst gehabt. Die haben am Abend in unserer
Wohnung gekocht und getrunken und gesungen. Wir hatten Angst im Lauf
der nächsten Tage, dass die eines Tages runterkommen und uns holen wür-
den. Die Mädchen. Einer hat uns gesagt: Wir, die Jungen, brauchen keine
Angst haben. Der hat sich mit uns verbündet mit dem einen Mann da: wir
Jungen nicht, weil wir sind alle geschlechtskrank. Man hat ihnen erklärt, die
Jungen in Wien haben alle Syphilis. Das hat uns aber geholfen.“15
Während sie selbst und die anderen „Mädchen“ offensichtlich dank dieser
List verschont blieben, wären hingegen mehrere ältere Frauen im selben Kel-
ler und die benachbarten jungen Frauen „sehr wohl drangekommen“, betont
die Zeitzeugin. Offenbar fanden diese Neuigkeiten nicht nur auf dem Land,
sondern auch in der Großstadt rasche Verbreitung. Als besonders gefährlich
galt der Versuch des Mannes einer der Betroffenen, seine Frau vor der Verge-
waltigung zu schützen. Dabei eskalierte die Situation beinahe, erinnert sich
die Wienerin: „Nun haben sie tatsächlich zwei, drei Frauen vom Haus geholt.
Die eine Frau war für mich uralt, die war sechzig. Kann ich mich erinnern,
da war der Mann dabei, da haben sie uns auf die Lampe geschossen, auf die
Petroleumlampe, da war die Gefahr, dass das alles zum Brennen anfangt, ein
Geschrei, eine Aufregung, aber jedenfalls, uns haben sie nichts getan. Weil wir
14 Ebd.
15 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918