Seite - 472 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Gegen Ende des Interviews kommt sie nochmals auf diese Situation zu
sprechen: „Was [gewesen sein] muss, ist gewesen, sonst hab’ ich mich nicht
geschert. Mit dem Leben sind wir durchkommen. Wenn ich ein Dirndl ge-
wesen wär ohne Kinder, hätte ich mich eh erschossen.“ In diesem Zusam-
menhang schaltet sich der damals 6-jährige Sohn in das Interview ein und
verstärkt die ausweglose Lage seiner Mutter: „Wenn du ledig bist und keine
Kinder hast, hast dich besser durchwurschteln können.“ Rosa K. streicht noch-
mals hervor: „Durch die Kinder bin ich zu spät reinkommen, gleich bei der
Tür.“ Erneut thematisiert sie, welche Folgen eine Weigerung hätte haben kön-
nen: „Ich war neugierig, was passiert wäre, wenn er auf die Decke geschossen
hätte.“ Nun verurteilt auch der Sohn die Rolle der übrigen Schutzsuchenden
im Keller: „‚Geh mit‘, haben alle gesagt, ‚geh mit‘. Weil sie Angst gehabt ha-
ben.“ Dabei betont er das Opfer, das seine Mutter für die übrige Kellergemein-
schaft erbrachte: „Den Schädel hat die Mutter hinhalten müssen.“21
Insgeheim steht die Frage im Raum, ob Rosa K. eventuell der Vergewal-
tigung entgehen hätte können oder ob sie selbst eine gewisse Schuld trifft.
Schließlich lastete man häufig den Frauen selbst die Vergewaltigungen an.
Sie standen unter dem meist unausgesprochenen Verdacht, sich zu wenig
gewehrt oder geschützt zu haben. Dabei führt die Oststeirerin gleich meh-
rere Faktoren zu ihrer Rechtfertigung an, die ihr Sohn nochmals verstärkt:
Zunächst befand sie sich wegen ihrer drei Kinder in einer benachteiligten Si-
tuation. Da sie direkt neben dem Eingang saß, fiel die Wahl des Rotarmisten
auf sie. Das einjährige Kind auf ihrem Schoß war kein ausreichender Schutz-
schild. In diesem Zusammenhang betont sie auch ihre Verantwortung als
Mutter, die Kinder „durchzubringen“. Ausführlich schildert sie die schwie-
rige Ernährungssituation zu Kriegsende. „Keine Kuh, kein Fadl [Schwein],
nichts haben wir gehabt.“ Weiters stand ihr ein bewaffneter Soldat gegen-
über, der zu schießen drohte. Bei der Schilderung dieser Passage allerdings
klingen Zweifel an, ob sie nicht ausprobieren hätte sollen, was gegebenenfalls
passiert wäre. Dies stellt sich jedoch gleichfalls als keine wirkliche Option he-
raus, denn „alle“ im Keller inklusive ihrer Mutter hätten verlangt, sie solle
„mitgehen“. Außerdem hätte im Vorfeld „niemand gesagt“, wo sie hingehen
und sich verstecken hätten sollen. Die Hauptkampflinie ging genau bei ihrem
Haus vorbei und wechselte mehrfach hin und her. Auch in einem anderen
Dorf, in dem sie sich versteckten, waren sie nicht sicher.22
Diese erste Vergewaltigung selbst schildert sie lapidar: „Das Gewehr hat er
hingelegt, und ich hab getan, was er angeschafft hat. Hab mich nicht rühren
21 Ebd.
22 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918