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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 476 -
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 476 annähernd mit jener der vom Grazer Landeskrankenhaus durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche überein. Somit dürften in erster Linie jene Frauen Anzeige bei der Polizei erstattet haben, die eine Abtreibung vornehmen lie- ßen.32 Die katholische Kirche sah hingegen keinerlei Ausnahmebestimmungen für vergewaltigte Frauen vor. „Angesichts ernster Vorkommnisse“ veröffent- lichte Kardinal Theodor Innitzer im Wiener Diözesanblatt vom November 1945 eine Verlautbarung zum Schutz menschlichen Lebens. Darin beton- te er den kirchlichen Grundsatz, dass „keimende[s] Leben auch unter den schwersten Umständen zu halten und zu schützen“ sei.33 Diesbezüglich berichtete der spätere Bundespräsident Adolf Schärf in seinen Erinnerungen an Wien 1945: „Durch Monate hindurch waren in den Hautabteilungen der Spitäler endlose Reihen von Frauen angestellt, die Sal- varsaneinspritzungen begehrten. Die künstliche Schwangerschaftsunter- brechung war eine Operation, zu der sich ein großer Teil der Ärzte in Wien aus Überzeugungsgründen nie bereitgefunden hatte; der Notstand der ge- schwängerten Frauen wurde aber jetzt von Ärzten aller Weltanschauungen anerkannt, und bis zu einem bestimmten Kalendertermin wurde auf glaub- würdiges Zeugnis der angetanen Gewalt in den Wiener Spitälern die Un- terbrechung der Schwangerschaft herbeigeführt. Bloß die geschwängerten Nonnen trugen ihr Schicksal, sei es, weil sie selbst oder weil die kirchliche Obrigkeit es so wollte; sie appellierten nicht an den Arzt, sondern warteten, alle Schicksalsgefährtinnen in einem Wiener Spital vereinigt, ihr Los ab.“34 Wegen des „unerbittlichen Paragrafen“ 144 ließen Österreicherinnen häu- fig illegal Abtreibungen vornehmen, was jedoch aufgrund schlechter hygieni- scher Bedingungen oder der Unerfahrenheit der „Kurpfuscher“ bzw. „Engel- macherinnen“ ein hohes Gesundheitsrisiko bedeuten konnte. Beispielsweise beschäftigte der sogenannte „Koffermord“ 1948 die Öffentlichkeit: Eine junge Frau wollte nach einer Vergewaltigung durch einen sowjetischen Soldaten eine Schwangerschaftsunterbrechung vornehmen lassen. Sie fand, so die Schilderungen zeitgenössischer Medien, im Freundeskreis zwei fortgeschrit- tene Medizinstudenten, die sich dazu bereit erklärten. Allerdings verstarb 32 Gertrud Kerschbaumer, Sowjetische Besatzungszeit in Graz. Überprüfung von Mythen, in: Stefan Karner (Hg.), Graz in der NS-Zeit 1938–1945. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. Sonder-Bd. 1. 2. Aufl. Graz 1999, S. 195–209, hier: S. 204f. 33 Zum Schutz des keimenden Lebens. Kundgebung Sr. Eminenz vom 6. November 1945, in: Wiener Diözesanblatt. 1945/10, S. 34. Zit. nach: Maria Mesner, Frauensache? Zur Auseinandersetzung um den Schwangerschaftsabbruch in Österreich nach 1945. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann- Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Bd. 23. Wien 1994, S. 46. Herrn Dr. Fred Duswald, Neumarkt/Hausruck, danke ich für diesen Hinweis. 34 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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