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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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annähernd mit jener der vom Grazer Landeskrankenhaus durchgeführten
Schwangerschaftsabbrüche überein. Somit dürften in erster Linie jene Frauen
Anzeige bei der Polizei erstattet haben, die eine Abtreibung vornehmen lie-
ßen.32
Die katholische Kirche sah hingegen keinerlei Ausnahmebestimmungen
für vergewaltigte Frauen vor. „Angesichts ernster Vorkommnisse“ veröffent-
lichte Kardinal Theodor Innitzer im Wiener Diözesanblatt vom November
1945 eine Verlautbarung zum Schutz menschlichen Lebens. Darin beton-
te er den kirchlichen Grundsatz, dass „keimende[s] Leben auch unter den
schwersten Umständen zu halten und zu schützen“ sei.33
Diesbezüglich berichtete der spätere Bundespräsident Adolf Schärf in
seinen Erinnerungen an Wien 1945: „Durch Monate hindurch waren in den
Hautabteilungen der Spitäler endlose Reihen von Frauen angestellt, die Sal-
varsaneinspritzungen begehrten. Die künstliche Schwangerschaftsunter-
brechung war eine Operation, zu der sich ein großer Teil der Ärzte in Wien
aus Überzeugungsgründen nie bereitgefunden hatte; der Notstand der ge-
schwängerten Frauen wurde aber jetzt von Ärzten aller Weltanschauungen
anerkannt, und bis zu einem bestimmten Kalendertermin wurde auf glaub-
würdiges Zeugnis der angetanen Gewalt in den Wiener Spitälern die Un-
terbrechung der Schwangerschaft herbeigeführt. Bloß die geschwängerten
Nonnen trugen ihr Schicksal, sei es, weil sie selbst oder weil die kirchliche
Obrigkeit es so wollte; sie appellierten nicht an den Arzt, sondern warteten,
alle Schicksalsgefährtinnen in einem Wiener Spital vereinigt, ihr Los ab.“34
Wegen des „unerbittlichen Paragrafen“ 144 ließen Österreicherinnen häu-
fig illegal Abtreibungen vornehmen, was jedoch aufgrund schlechter hygieni-
scher Bedingungen oder der Unerfahrenheit der „Kurpfuscher“ bzw. „Engel-
macherinnen“ ein hohes Gesundheitsrisiko bedeuten konnte. Beispielsweise
beschäftigte der sogenannte „Koffermord“ 1948 die Öffentlichkeit: Eine junge
Frau wollte nach einer Vergewaltigung durch einen sowjetischen Soldaten
eine Schwangerschaftsunterbrechung vornehmen lassen. Sie fand, so die
Schilderungen zeitgenössischer Medien, im Freundeskreis zwei fortgeschrit-
tene Medizinstudenten, die sich dazu bereit erklärten. Allerdings verstarb
32 Gertrud Kerschbaumer, Sowjetische Besatzungszeit in Graz. Überprüfung von Mythen, in: Stefan
Karner (Hg.), Graz in der NS-Zeit 1938–1945. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts
für Kriegsfolgen-Forschung. Sonder-Bd. 1. 2. Aufl. Graz 1999, S. 195–209, hier: S. 204f.
33 Zum Schutz des keimenden Lebens. Kundgebung Sr. Eminenz vom 6. November 1945, in: Wiener
Diözesanblatt. 1945/10, S. 34. Zit. nach: Maria Mesner, Frauensache? Zur Auseinandersetzung um
den Schwangerschaftsabbruch in Österreich nach 1945. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-
Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Bd. 23. Wien 1994, S. 46. Herrn Dr. Fred
Duswald, Neumarkt/Hausruck, danke ich für diesen Hinweis.
34 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918