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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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harsch durch. So zwang man Frauen im französisch besetzten Vorarlberg auf
bloßen Verdacht hin oder als Folge von Denunziationen, Gesundheitsämter
aufzusuchen.54 Die sowjetische Besatzungsmacht versuchte, das Problem
über strengere Kontrollen, einschlägige Befehle und andere Maßnahmen in
den Griff zu bekommen.
1.3.1 Sowjetische Gegenmaßnahmen
Die Infektionen machten weder vor Offizieren noch vor NKVD-Truppen oder
selbst Parteimitgliedern halt. Anfang Mai 1945 hatten die Erkrankungen bereits
ein derartiges Ausmaß erreicht, dass sich der Chef der NKVD-Truppen in Ös-
terreich zum Handeln genötigt sah. Detailliert ordnete er an, welche Schritte
zu setzen waren. Denn offensichtlich hatten die vorausgegangenen Befehle,
darunter die an die Fronttruppen erteilte Weisung Nr. 28 über die Behandlung
von Syphilis, nicht gefruchtet: „Ungeachtet einer ganzen Reihe an herausge-
gebenen Richtlinien, Instruktionen und Rundschreiben sowie der unter dem
Mannschaftsstand unserer Truppen durchgeführten Aufklärungsarbeit zur
Warnung vor Geschlechtskrankheiten liegt die Erkrankungsrate nach wie vor
auf einem überaus hohen Niveau“,55 mahnte Generalmajor Pavlov einleitend.
Überraschend explizit wies der Chef der in Österreich stationierten NKVD-
Truppen auf die sensible Problematik hin: Die Qualität der medizinischen
Untersuchungen sei niedrig, weswegen Syphilis vielfach zu spät diagnosti-
ziert werde. Weiters kämen „Maßnahmen zur Selbstprophylaxe (Präservati-
ve u. Ä.)“ nur unzureichend zur Anwendung. Auch sei es um die „politische
Aufklärungsarbeit betreffend die Hygiene innerhalb des Mannschaftsstandes“
schlecht bestellt. Und die „Suche nach den Urhebern der Ansteckung und die
Untersuchung derselben“ wären „nicht zufriedenstellend“, kritisierte Pavlov.56
Letzteres lässt besonders aufhorchen, klingt hier doch implizit die Ausfor-
schung – österreichischer – „Sündenböcke“ an. Hier konkretisierte Pavlov, dass
„Kranke aus den Reihen der örtlichen Bevölkerung […] mit einer abgegebenen
Verpflichtungserklärung über die Einstellung ihres Sexuallebens bis zu ihrer
Heilung über die lokalen Organe an örtliche Ärzte zu übergeben“ seien. Eine
54 Ingrid Bauer – Renate Huber, Sexual Encounters across (Former) Enemy Borderlines, in: Günter
Bischof – Anton Pelinka – Dagmar Herzog (Hg.), Sexuality in Austria. Contemporary Austrian Stu-
dies. Bd. 15. New Brunswick – New Jersey 2007, S. 65–101, hier: S. 84.
55 RGVA, F. 32904, op. 1, d. 191, S. 84–86, hier: S. 84, Anordnung des Chefs der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, und des Leiters des Sa-
nitätsdienstes, Oberstleutnant Golovachin, an den Kommandanten des 17. NKVD-Grenzregiments
über den Umgang mit Geschlechtskrankheiten, 10.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote
Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 34.
56 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918