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1. Die Schattenseite 487
davon ausgehen, dass ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz dieser
Frauen an verschiedenen Formen von durch Geschlechtsverkehr übertrage-
nen Krankheiten litt und so zu deren Verbreitung beitrug. Einige von ihnen
wurden, nachdem sie sowjetische Besatzungssoldaten infiziert hatten, nicht
nur wegen „antisowjetischer Spionage“, sondern auch wegen „Sabotage“ zu
langjährigen Haftstrafen verurteilt.
1.4 Die Honigfalle: Spionage, Sabotage und Verhaftung
Sexuelle Beziehungen zwischen Besatzungssoldaten und ausländischen
Frauen waren noch aus einem weiteren Grund aus der Sicht des Kremls un-
erwünscht: wegen der Gefahr antisowjetischer Spionage.71 Die betroffenen
Frauen traf der Vorwurf, das „Bettgeflüster“ im Auftrag westlicher Nachrich-
tendienste zu nutzen, um geheime Informationen in Erfahrung zu bringen
oder sowjetische Armeeangehörige zum Desertieren zu bewegen. So kriti-
sierte die Politische Abteilung der NKVD-Truppen Verhältnisse sowjetischer
Offiziere mit ausländischen Frauen als „politisch folgenschwer“, die betrof-
fenen Männer als „moralisch instabil“. Moskau schätzte dabei die Österrei-
cherinnen als hohen Risikofaktor ein, da sie den „verzauberten“ Rotarmisten
über ihre „intimen Verhältnisse“ Militär- und Staatsgeheimnisse entlocken
wollten.72
Man befürchtete offensichtlich, dass ausländische Frauen Armeeangehö-
rige umgarnten und sie nach dem Vorbild der berühmten Spionin des Ers-
ten Weltkrieges, Mata Hari,73 in die „Venusfalle“ tappen ließen.74 Auch die
Briten hatten ihre Offiziere während des Zweiten Weltkrieges mit dem Pla-
kat „Keep mum, she’s not so dumb! Careless talk costs lives“ vor attraktiven
Frauen gewarnt, die nicht so „dumm“ seien, wie die „unvorsichtigen“ Män-
cherung und Überlebensarbeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Wien, in: L’Homme. Zeit-
schrift für feministische Geschichtswissenschaft. 2. Jg. 1991, Heft 1, S. 77–105, hier: S. 103.
71 Vgl. dazu: Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 432–434. Zur Situation von Wien als Spionagedreh-
scheibe im Kalten Krieg vgl. Erwin A. Schmidl (Hg.), Österreich im frühen Kalten Krieg 1945–1958.
Spione, Partisanen, Kriegspläne. Wien – Köln – Weimar 2000.
72 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 11, S. 158f., Direktive Nr. 00811 des Leiters der Politischen Abteilung der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front über eine Verbesserung
der erzieherischen Arbeit innerhalb des Mannschaftsstandes, 4.7.1945. Abgedruckt in: Karner –
Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 64.
73 Erik Neveu, L’Espionne, in: Fabrice Virgili – Daniéle Voldman (Hg.), Amours, guerres et sexualité
1914–1945. Paris 2007, S. 86f.
74 Diese beinahe „klassische“ Form der Spionage findet offensichtlich auch heute noch Anwendung.
Vgl. Burkhard Bischof, Frau Won, die koreanische Mata Hari. Spionage. Eine attraktive Nordkorea-
nerin ließ südkoreanische Offiziere in die „Venusfalle“ tappen, in: Die Presse, 5.9.2008, S. 8.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918