Seite - 489 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 489 -
Text der Seite - 489 -
1. Die Schattenseite 489
sowjetischer Spionage. Eine „ganze Reihe von Fakten“ mache es erforderlich,
die Vorsicht unter den Armeeangehörigen zu heben, warnte etwa der Leiter
der Politabteilung des 20. Garde-Schützenkorps im Juli 1945. Einige Frauen
unter den DPs wären nämlich vom amerikanischen Geheimdienst angewor-
ben worden und würden im Auftrag der Amerikaner arbeiten, indem sie „auf
verschiedene Weise mit unseren Offizieren in Kontakt zu treten versuchen,
was ihnen sehr häufig gelingt“.81
Tatsächlich schnappte ab 1945 die „Honigfalle“ der US-amerikanischen
und britischen Nachrichtendienste in Österreich mehrfach zu. In ihrem Auf-
trag erlangten einige Frauen die Gunst sowjetischer Besatzungssoldaten. Ob
sie dadurch effektiv sensible Informationen liefern konnten, bleibt fraglich.
Unbestritten ist hingegen, dass mehrere dieser „Agentinnen“ selbst in die Fal-
le sowjetischer Geheimdienste tappten und ihre – zum Teil unbeabsichtigte
– Rolle als „Spy Ladies“82 mit langjähriger Lagerhaft oder sogar mit ihrem
Leben bezahlten. Fünf von insgesamt zehn in der Zeit von 1950 bis 1953 we-
gen antisowjetischer Spionage zum Tod verurteilten Österreicherinnen hatten
intime Kontakte zu sowjetischen Besatzungssoldaten gepflegt.83
Wie die folgenden Fallbeispiele zeigen, entsprachen diese „Agentinnen“
kaum dem Klischee von „spärlich bekleideten, glamourösen Gespielinnen,
die in fremden Betten Nachrichten beschaffen und gekonnt ihr gefährliches
Spiel treiben“. Ebenso wenig glichen sie den Vorstellungen von den sprich-
wörtlichen Bond-Girls mit ausgeprägten erotischen Reizen, „verführerisch,
geheimnisvoll und sexy“, die sich mit einem Messer im Bikinihöschen todes-
mutig von Felsklippen stürzen.84 Vielmehr handelte es sich um unauffällige
Frauen, die eher zufällig mit westlichen Geheimdiensten in Berührung ge-
kommen waren. Aber auch Prostituierten, die „gewerbsmäßig“ sexuelle Kon-
takte zu Besatzungssoldaten unterschiedlicher Nationalität pflegten, fiel diese
Rolle – zum Teil ungewollt – zu.
Besonders verdächtig erschienen Frauen, die neben (oder nach) Verhält-
nissen mit sowjetischen auch Kontakte zu westlichen Besatzungssoldaten
pflegten. So wurde etwa die in einem USIA-Betrieb beschäftigte Arbeiterin
Ingeborg Brenner verhaftet, als sie sich – nach mehreren Beziehungen mit
sowjetischen Armeeangehörigen – einem US-Soldaten zugewandt hatte. Das
81 CAMO, F. 863, op. 1, d. 46, S. 142–152, Bericht des Leiters der Politabteilung des 20. Garde-Schüt-
zenkorps, Garde-Oberst Čikovani, über die wirtschaftliche und politische Lage im Bezirk Melk,
9.7.1945.
82 Vgl. dazu Wilhelm Dietl, Spy Ladies. Frauen im Geheimdienst. Berlin 2006.
83 Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 41–45.
84 Mario Muigg, Topagentinnen und ihre geheimen Coups, in: Journal for Intelligence, Propaganda
and Security Studies. 2008/1, S. 151–153, hier: S. 151.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918