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1. Die Schattenseite 491
mayer wird von den Russen Geheimprostitution vorgeworfen, was nach rus-
sischer Auffassung Grund genug ist, sie nach Sibirien zu schicken.“89 Gemäß
der Zeitung galt Gleiches für Liebesbeziehungen: „Gertrude Hirsch, die aus
Bruck an der Leitha stammte, wurde wegen eines Verhältnisses mit einem
Russen verschickt.“90
Ähnlich gestaltete sich das Schicksal einer Wiener Bordellbesitzerin, deren
Etablissement in erster Linie sowjetische Armeeangehörige frequentierten.
Zu ihrem Verhängnis sollte der Umstand werden, dass die Frau – neben den
sowjetischen Klienten – auch eine Verbindung zu einem US-Offizier unter-
hielt. Im Mai 1947 verurteilte sie ein sowjetisches Militärtribunal nach Artikel
58-6 des Strafgesetzbuches der RSFSR wegen Spionage zu 25 Jahren GULAG-
Besserungsarbeitslager.91
Doch sie blieb keine Ausnahme. Die Sowjets verhafteten rund ein Jahr spä-
ter eine im selben Bordell beschäftigte Prostituierte, genannt „der Tiger“, und
verurteilten die Frau im Juli 1948 gleichfalls wegen Spionage zu 15 Jahren
ITL.92 Auch hier dürften – über den Kontakt zu sowjetischen Besatzungssol-
daten – ausgetauschte Informationen zur Festnahme geführt haben. Eventu-
ell spielte ihre, von mehreren österreichischen zivilverurteilten Frauen in der
Sowjetunion bestätigte, venerische Erkrankung eine zusätzliche Rolle. Auf
jeden Fall ließ diese Infektion die übrigen Zelleninsassen im Gefängnis von
Vladimir – allen voran Margarethe Ottillinger93 – einen Hungerstreik organi-
sieren, um die Verlegung der Prostituierten in eine andere Zelle zu erzwin-
gen.94
Die Infektion zweier sowjetischer Besatzungssoldaten mit einer Ge-
schlechtskrankheit führte anscheinend im Fall von F. P. zu ihrer Verhaftung
im Dezember 1950. Die Wienerin wurde nämlich nicht nur wegen Spionage,
sondern auch nach § 58-14 des Strafgesetzbuches der RSFSR („Gegenrevolu-
tionäre Sabotage“) zu 25 Jahren Besserungsarbeitslager verurteilt.95 Selbst das
österreichische Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten nahm im
89 Fünf Zivilgefangene aus Rußland heimgekehrt. Aber achthundert noch dort – Nachricht von Frau
Dr. Ottillinger, in: Arbeiter-Zeitung, 28.2.1953, S. 2.
90 Ebd.
91 AdBIK, Datenbank verurteilter österreichischer Zivilisten in der UdSSR, Ziv-SU-107.
92 Ebd.; ÖBM, Personalakte H. W.
93 Zur Verurteilung von Margarethe Ottillinger, der Leiterin der Planungssektion im österreichischen
Bundesministerium für Vermögenssicherung, siehe insbesondere Karner (Hg.), Geheime Akten des
KGB; Stefan Karner, Zur Politik der sowjetischen Besatzungs- und Gewahrsamsmacht. Das Fallbei-
spiel Margarethe Ottillinger, in: Alfred Ableitinger – Siegfried Beer – Eduard G. Staudinger (Hg.),
Österreich unter alliierter Besatzung 1945–1955. Wien – Köln – Graz 1998, S. 401–431.
94 Renata Stelzer, Russland-Aufzeichnungen. Bd. II. Nach dem Urteil. Unveröffentlichtes Manuskript.
O. O. o. J., S. 52.
95 GVP, Nr. 5uv–1133–97, Rehabilitierungsbescheid F. P., 3.10.1997.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918