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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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November 1952 „die Infizierung zweier Angehöriger der sowjetischen Besat-
zungsmacht mit Geschlechtskrankheiten“96 als Grund für die erfolgte Fest-
nahme an. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen der Ansteckung der
Armeeangehörigen und der Verurteilung wegen „gegenrevolutionärer Sabo-
tage“ lässt sich zudem dadurch untermauern, dass die Österreicherin selbst
den Vorwurf der Spionage stets vehement bestritt.97 In anderen Fällen ist eine
Kooperation mit westlichen Geheimdiensten allerdings nachweisbar. Einige
der Frauen wurden selbst Opfer der „Honigfalle“, die tödlich zuschnappen
konnte.
1.4.2 Zum Tod verurteilte Österreicherinnen
Mehrere Österreicherinnen, die Liebesbeziehungen mit sowjetischen Besat-
zungssoldaten eingegangen waren, wurden vom Militärtribunal der CGV
wegen des Vorwurfs der Spionage zum Tod verurteilt und hingerichtet. Tat-
sächlich dürften sie für westliche Geheimdienste eine besondere Zielgruppe
gewesen sein. Ihre Anwerbung für den britischen Nachrichtendienst oder
auch für die Spionageabwehrtruppe der US-Armee in Österreich, das soge-
nannte „Counter Intelligence Corps“ (CIC), erfolgte meist über in Österreich
wohnhafte Mittelspersonen. So erhielt etwa Johann Birner den Auftrag, ein-
heimische Frauen mit Liebesbeziehungen zu sowjetischen Militärangehöri-
gen als britische „Agentinnen“ anzuwerben.98 Der Wiener betraute seinerseits
eine bei der sowjetischen Besatzungsmacht in Baden beschäftigte Frau, Rosa-
lia Dederichs, mit dieser heiklen Aufgabe. Dederichs, die am 12. Jänner 1951
wegen antisowjetischer Spionage zum Tod verurteilt und schließlich am 5.
Mai 1951 in Moskau erschossen wurde, erläuterte ihre Rolle in ihrem Gna-
dengesuch an das Präsidium des Obersten Sowjets: „[Im] Oktober 1949 frug
er [Johann Birner] mich, ob ich ein Mädchen oder eine Frau kenne, die Be-
kanntschaft mit sowjetischen Offizieren oder Soldaten hätte, und ich brachte
ihm Viktoria Lohmar.“99
96 ÖBM, Personalakte F. P.
97 AdBIK, Brief von F. K. an das BIK, St. Pölten 1997.
98 GARF, F. 7523, op. 76, d. 15, S. 134–138, hier: S. 136, Stellungnahme des Obersten Gerichts zu den
Gnadengesuchen von Johann Birner, Rosalia Dederichs, Michael Maczejka und Johanna Vozelka,
6.3.1951. Siehe dazu und zum Folgenden auch: Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 41–43;
Petschnigg, Stimmen aus der Todeszelle, S. 341–343, 567–569.
99 GARF, F. 7523, op. 76, d. 15, S. 148–150, hier: S. 149f., Gnadengesuch von Rosalia Dederichs,
17.1.1951.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918