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1. Die Schattenseite 493
Außerdem warb Birner, so der spätere Vorwurf, die 1925 geborene Wienerin
Johanna Vozelka an, die sich – ähnlich wie Dederichs – in einer wirtschaftli-
chen Notlage befand. Nach ihrer Verhaftung warfen die sowjetischen Stellen
der Frau vor, „ihre Bekanntschaft mit Soldaten der Roten Armee und ihre
russischen Sprachkenntnisse“ gezielt „ausgenutzt“ zu haben. Vozelka habe
dem britischen Geheimdienst dank ihrer Kontakte etwa den Ausbildungs-
ort einer Panzerdivision und biografische Daten sowjetischer Offiziere mit-
geteilt.100 In der gemeinsamen Gerichtsverhandlung am 12. Jänner 1951 ver-
urteilte das Militärtribunal der Zentralen Gruppe der Streitkräfte Lohmar
wegen Spionage zu 20 Jahren ITL.101 Birner hingegen erhielt – wie auch De-
derichs und Vozelka – die Todesstrafe gemäß Artikel 58-6. Sie wurden am 5.
Mai 1951 in Moskau hingerichtet.102
Selbst wenn gezielte Annäherungsversuche nicht von Erfolg gekrönt wa-
ren, galt aus sowjetischer Sicht bereits das bloße Vorhaben als Verbrechen. So
erhielt der gebürtige Ungar Georg Berényi angeblich vom US-Geheimdienst
die Order, sowjetische Militärangehörige zum Überlaufen in die amerikani-
sche Besatzungszone Österreichs zu bewegen. Er soll dafür die beiden Öster-
reicherinnen Gerda Swirak und Albina Redman angeworben haben. Diese
versuchten, so der spätere Vorwurf des sowjetischen Militärtribunals der
CGV, gezielt Bekanntschaften mit sowjetischen Offizieren zu knüpfen, doch
blieben ihre Bemühungen vergeblich: „Im Februar 1949 wurde Berényi vom
Mitarbeiter des US-amerikanischen Geheimdienstes Jersey-Werner angewor-
ben und erhielt den Auftrag, Wehrdienstleistende der Sowjetischen Armee
100 GARF, F. 7523, op. 76, d. 15, S. 134–138, hier: S. 136f., Stellungnahme des Obersten Gerichts zu den
Gnadengesuchen von Johann Birner, Rosalia Dederichs, Michael Maczejka und Johanna Vozelka,
6.3.1951.
101 Lohmar wurde am 25. Juni 1955 aus der Haft entlassen und 1998 rehabilitiert. Vgl. GVP, Nr. 5uv–
44901–50, Rehabilitierungsbescheid Viktoria Lohmar, 18.8.1998.
102 Petschnigg, Stimmen aus der Todeszelle, S. 321.
Abb. 65: Rosalia Dederichs wurde im Jänner 1951 durch das
Militärtribunal 28990 wegen antisowjetischer Spionage zum
Tode verurteilt und am 5. Mai 1951 in Moskau erschossen.
Sie soll dem britischen Geheimdienst eine Frau vermittelt
haben, die intime Kontakte zu sowjetischen Besatzungsange-
hörigen pflegte. (Quelle: CAFSB, Strafprozessakt Dederichs)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918