Seite - 497 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 497
Die Haltung der sowjetischen Seite stellte in diesem Zusammenhang ei-
nen Sonderfall dar. Auf der Basis der Moskauer Deklaration von 1943 galt
Österreich als „befreites“ Land, dessen „friedliches Volk“ – im Gegensatz zu
den „deutschen Unterjochern“ – zu „verschonen“ war.113 Offiziell existierte
daher von Anfang an kein „Fraternisierungsverbot“. Allerdings betrachtete
der Kreml Geschlechtsverkehr zwischen sowjetischen Armeeangehörigen
und nichtsowjetischen Frauen im Ausland als „politisch verwerflich“. Hier-
bei kamen ideologische Überlegungen ebenso zum Tragen wie die Angst
vor Spionage und Vaterlandsverrat. Aus dieser Ambiguität entwickelte sich
eine Doppelmoral mit weitreichenden Folgen: Man tolerierte etwa häufig
stillschweigend Liebesbeziehungen von Besatzungssoldaten und Öster-
reicherinnen – solange diese einigermaßen „diskret“ blieben. Nahmen die
Verhältnisse aber etwas „offiziellere“ Formen an, bedeutete dies zugleich
das Ende jeglichen Kontaktes. So gab die Bekanntgabe einer Schwanger-
schaft oder eines Heiratswunsches meist ungewollt den Ausschlag für die
Versetzung des betroffenen Armeeangehörigen an einen anderen Stationie-
rungsort oder zurück in die Sowjetunion. Dabei bestand de facto weder die
Möglichkeit, eine österreichische Frau mit in die Sowjetunion zu nehmen,
noch diese zu heiraten. Selbst Briefkontakte bildeten für mehrere Jahrzehnte
die Ausnahme. Schließlich galten Verbindungen mit dem Westen noch lan-
ge nach Stalins Tod als verdächtig. Ein „Happy End“ war daher so gut wie
ausgeschlossen.
Die betroffenen Frauen hatten allerdings nicht nur gegen unüberwindba-
re Hindernisse von sowjetischer Seite zu kämpfen. Zusätzlich erfuhren sie
vielfach Stigmatisierung und Diskriminierung durch die österreichische Ge-
sellschaft. Hier schwangen dem Nationalsozialismus und dem beginnenden
Kalten Krieg verhaftete ideologische Traditionen ebenso mit wie „rassische“
Überlegungen. Doch noch ein weiterer Faktor kam zum Tragen: Die militäri-
sche Niederlage hatte viele ehemalige Wehrmachtssoldaten in ihrem Selbst-
wertgefühl, ihrer männlichen Identität und ihrem Wahrnehmungsraster
nachhaltig geprägt. Somit ließ sie der Verlust angestammter Eigentumsrechte
an „ihren Frauen“ und das Faktum „Besatzungsbraut“ als Zerstörung ihrer
letzten Machtposition interpretieren. Der Besatzung fiel in diesem Deutungs-
horizont nicht nur eine militärisch-politische, sondern auch eine bedrohliche
113 Aufruf des Militärrates an die Truppen der 3. Ukrainischen Front, 4.4.1945. Abgedruckt in: Karner
– Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 9. Original abgedruckt in:
Zemskov et al., SSSR – Avstrija, S. 16f. Der Militärrat der 2. Ukrainischen Front richtete sich gleich-
falls am 4. April 1945 mit einem analogen Befehl an die Truppen. Vgl. dazu: Institut Voennoj Istorii,
Krasnaja Armija v stranach Centraľnoj Evropy, S. 617.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918